"Nicht glauben, wir haben es geschafft"

1. September 2002, 19:05
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Im sozialdemokratischen Kernland Nordrhein-Westfalen startete die CDU am Sonntag die heiße Wahlkampfphase - Kanzlerkandidat Stoiber zeigte sich kämpferisch und überraschte dabei mit der Ankündigung, er werde einen WAZ-Einstieg beim Springer-Verlag verhindern

Am Eingang der Düsseldorfer Rhein-Halle spielt die Band Tohuwabohu fetzige Rhythmen. In der Halle vollführt eine Artistengruppe am Hochseil ihre Kunststücke. Dann stolpert Edmund Stoiber aufs Podium. Noch bevor er zu reden beginnt, gibt es stehenden Applaus. Gerührt nimmt der neben riesigen CDU-Buchstaben auf der Bühne etwas verloren wirkende Kanzlerkandidat, der immerhin von der Schwesterpartei CSU kommt, den Beifall der zehntausend geladenen CDU-Anhänger entgegen.

Mit rauerer Stimme als sonst beginnt der bayerische Ministerpräsident zu reden, redet sich aber rasch in die wahlkampfgewohnte Rage mit leicht überschlagender Stimme. Er bemüht vor allem Fußballmetaphern: In Anspielung auf einen legendären Ausspruch des Ex-Bayern-Trainers Giovanni Trappatoni meinte Stoiber, Bundeskanzler Gerhard Schröder könne bald sagen: "Flasche leer, wir haben fertig!" Es gibt rhythmischen Applaus, und Stoiber selbst kann sich ein Lächeln über diesen Kalauer nicht verkneifen.

Es müsse allen klar gewesen sein, "dass dies kein 3:0 werden wird und der Anschlusstreffer hingenommen werden muss", sagte Stoiber mit Blick auf die Umfragen, in denen die Werte der SPD wieder steigen. "Aber Angriff ist die beste Verteidigung. Und nicht zu glauben, wir haben es schon geschafft. Es geht darum, die zweite Luft einzuschalten."

Schröder habe angesichts der miserablen Arbeitsmarktzahlen keine zweite Chance verdient. "Das kann sich Deutschland nicht leisten." Außerdem habe Rot-Grün niemanden mehr zum Einwechseln, sondern alle Minister müssten ausgewechselt werden. Schröder schare "zum Teil Flaschen um sich".

Die CDU hat den Start in die heiße Wahlkampfphase in das sozialdemokratische Herzland verlegt. Denn hier in Nordrhein-Westfalen wird, auch nach Meinung der SPD, über den Ausgang der Wahl entschieden. Jeder fünfte Wähler in Deutschland lebt in diesem Bundesland. Deshalb gehe es darum, "gerade in Nordrhein-Westfalen ein Spitzenergebnis zu erzielen", ruft Stoiber in den Saal und nutzt die Gelegenheit, sich auch bei Angela Merkel, der Vorsitzenden "der großen CDU", für ihren Einsatz zu bedanken.

Und weil er gerade in Nordrhein-Westfalen sei, so Stoiber, wolle er noch ein anderes Thema ansprechen: Dass sich ein linkslastiger Verlag aus dieser Gegend anschicke, seine Medienmacht zu vergrößern, "wird auf meinen politischen Widerstand stoßen", kündigt Stoiber an. "Denn das Land braucht eine offene Presse." Dass der Springer-Verlag, bei dem die WAZ (in Österreich an Krone und Kurier beteiligt) einen Minderheitenanteil erwerben will, ein konservativer Medienkonzern ist, sagt er nicht.

Ziel 40 plus x Prozent

Nach mehr als einer Stunde kommt Stoiber ans Ende: "Wir sind dicht vor dem Ziel", appelliert er an die CDU-Anhänger. Wahlkämpfe seien wie Marathonläufe. Jetzt gehe es um den Endspurt. "Wir müssen 40 plus x Prozent erreichen." Nun gelte es noch einmal, Kräfte zu mobilisieren: "Wir können und wir wollen gewinnen."

Was Stoiber bei seiner Rede nicht erwähnte: Zuvor hatte er die FDP im Spiegel aufgefordert, endlich Farbe zu bekennen und sich zu künftiger Zusammenarbeit zu bekennen. Doch die Liberalen hatten postwendend wieder jede Koalitionszusage verweigert. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2002)

Von Alexandra Föderl-Schmid aus Düsseldorf
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    Auch Eierwürfe bringen den gut beschirmten CDU/CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber nicht aus der Ruhe. In Düsseldorf rief er zum Endspurt im Wahlkampf auf.

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