Eine "europäische Öffentlichkeit" gibt es noch nicht

1. September 2002, 00:09
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Fischler-Sprecher: "EU-Themen können nicht mit regionalen oder lokalen Nachrichten konkurrieren"

Die Europäische Union wird zwar künftig im Zuge der Erweiterung an Einwohnern und Fläche gewinnen, von einer "europäischen Öffentlichkeit" aber kann noch lange nicht die Rede sein. Dies war Konsens auf der Abschlusspodiumsdiskussion bei den Alpbacher Mediengesprächen am Samstagvormittag. Ein Grund dafür: "EU-Themen können nicht mit regionalen oder lokalen Nachrichten konkurrieren", erklärte Gregor Kreuzhuber, der Pressesprecher von EU-Kommissar Franz Fischler. "Der europäischen Politik mangelt es an Kanten und wahrscheinlich auch Gesichtern", ergänzte Harald Hartung, ebenfalls für die Kommission tätig.

Schon mit einer "europäischen Identität" ist es nicht weit her, wie das "Eurobaromoter" regelmäßig zeige, so Hartung. Lediglich "Ansätze" für ein europäisches Gemeinschaftsgefühl seien auszumachen, singuläre Ereignisse wie am 11. September 2001 oder die Jahrhundertflut in Deutschland könnten aber ein zumindest temporäres Zusammenrücken bewirken.

EU-Themen oft falsch kommuniziert

Nach wie vor aber gelinge es nicht, die Arbeit der EU und ihrer Gremien, die sich ja unmittelbar auf nationaler Ebene niederschlage, auch entsprechend in den Mitgliedstaaten zu kommunizieren, so Kreuzhuber. Oft laufe die Diskussion auch in die falsche Richtung: "Wir reden viel zu viel über die Hülle, die Strukturen, und viel zu wenig über das, was die EU tut und bewirkt." Europa-Themen würden darüber hinaus nach wie vor überwiegend von den politischen Ressorts aufgegriffen und seien zu selten im "Lifestyle"-Kontext präsent, was sich aber etwa für Verbraucherthemen durchaus anbieten würde, so Kreuzhuber.

Sprachliche und kulturelle Hürden

Zu viele Hürden stehen nach Ansicht von Peter Norman, langjähriger Korrespondent der "Financial Times" (FT) in Brüssel, der Herausbildung einer europäischen Öffentlichkeit im Weg - nicht zuletzt sprachliche und kulturelle Differenzen. Die FT habe nach 20 Jahren Investitionen in Europa eine europäische Öffentlichkeit geschaffen: Mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren sei man in Kontinentaleuropa vertreten, laut Norman etwa ein Drittel der Gesamtauflage. "Das ist etwas bescheiden", meinte er.

Mehr Minderheitensprachen durch Erweiterung

Ein "großes Sprachproblem" sah auch Toni Ebner, Chefredakteur der Südtiroler "Dolomiten", durch die EU-Erweiterung auf die europäische Medienszene zukommen: In den mittel- und osteuropäischen Staaten gebe es eine Vielfalt an sprachlichen Minderheiten. "Alleine in Rumänien erscheinen sechs ungarische Tageszeitungen", sagte Ebner. Kleine Zeitungen sollten keinesfalls unterschätzt werden, so sein Credo: "Es gibt eine Unmenge an Lokalzeitungen und Heimatblättern - die machen Meinung." In diesem Sinne gelte es aber, Provinzialismus abzubauen und auch im lokalen und regionalen Raum ein weltoffenes Klima zu schaffen.(APA)

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