Ausländische Pressestimmen zu FPÖ-Krise

1. September 2002, 15:19
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Wer die Psychodramatik der Vorgänge verstehen will, muss wissen wer eigentlich den Ton angibt....

Berlin/Den Haag - Die FPÖ-Krise wird auch am Samstag in der ausländischen Presse kommentiert:

"tageszeitung" - taz - Berlin

"Noch nie in den vergangenen zweieinhalb Jahren war so realistisch wie dieser Tage, dass ein Regierungsexperiment, das als politischer Tabubruch sondergleichen in Europa begonnen hat, in einer dramatischen Groteske endet.

Denn der FPÖ-Altobmann Jörg Haider hat sich mit der Wiener Regierungsmannschaft seiner Partei endgültig überworfen. (...) Wer die Psychodramatik der Vorgänge verstehen will, muss sich daran erinnern, wer eigentlich für die FPÖ in der Bundesregierung den Ton angibt. Alles Männer und Frauen zwischen dreißig und vierzig, die als blutjunge Burschen und Mädels aus der Provinz oder der Wiener Vorstadt vor zehn, fünfzehn Jahren in die engere Umlaufbahn des Mannes eintraten, der für sie ein strahlender Rebell war. Sie waren nicht politisch, hatten aber einen starken Hang zum Autoritären. Haider stieß diesen jungen Leuten das Tor zu einer aufregenden Welt auf. Sie haben ihn angehimmelt, wie das Teenager und spätreife Twens manchmal tun.

Treue Diener

Sie wurden treue Diener ihres Herrn. (...) Haider, der Narziss, der begnadete Menschenfischer, spiegelte sich in der maßlosen Bewunderung dieser Gruppe, die 'Buberlpartei' hieß, weil mit Ausnahme von Riess-Passer nie eine Frau in den Kreis dieser bedingungslos hörigen Haider-Apostel zugelassen wurde. Von den Wahlerfolgen wurden sie auf Posten, Ämter, Mandate gespült. So, wie sie einst die Anerkennung ihres Idols brauchten, genießen sie jetzt die Anerkennung des Establishments. Sie wollen regieren, wie man eben so regiert - also verwalten - und nicht dauernd von Jörg Haider gestört werden. (...) Sie haben gegen ihn keine Chance. Noch in ihrem 'Emanzipationsprozess' beweist sich, wie sehr Haider der Mittelpunkt ihrer Identität ist."

"de Volkskrant" -Den Haag

"Seine Minister haben sich in den letzten drei Jahren in der Regierung verändert. Sie legten die traditionelle Oppositionsrolle ab. Mit dem konservativen Regierungschef Wolfgang Schüssel wollten sie Europa zeigen, dass sie eine ordentliche Politik betreiben können, und das ist ihnen einigermaßen gelungen. (...)

Teil des Establishments

Die FPÖ wurde Teil des politischen Establishments. Trotz seines Charismas führt Haider seine Opposition in immer deutlicher werdender Einsamkeit. Für seine einst so folgsamen Anhänger ist er zum Störsender geworden. Österreich war das erste Land im Nachkriegs-Europa, das Rechtsradikale in die Regierung aufnahm. Inzwischen sind andere EU-Staaten gefolgt. Vielleicht erfüllt Österreich wieder eine Vorbildfunktion: Wenn die Rechtsradikalen zum Establishment gehören, werden sie bürgerlich, genau wie die FPÖ..." (APA/dpa)

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