Die Kanäle der Macht

2. September 2002, 12:40
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Konrad Paul Liessmann über Herrschaft und Freiheit im Medienzeitalter

"Schaukampf um die Macht". Mit diesem Titel vom 26. August dieses Jahres skizzierte das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", vielleicht ohne es zu wissen, das Dilemma im Verhältnis von Medien und Politik. Die Stilisierung des deutschen Wahlkampfes zu einem erbarmungslosen Duell zwischen dem Kanzler und seinem Herausforderer gehorchte ganz den Gesetzen der Medienlandschaft, und dieses Duell wurde dann auch im Wortsinn zu einem inszenierten Schaukampf, der nichts mehr von der Macht verriet, um die es dabei gehen sollte. Auch angesichts anderer, medial gut aufbereiteter politischer Sommertheater kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Medien politische Macht nur noch zum Schein inszenieren, während die dabei mit allen dramaturgischen Mitteln Vorgeführten alle Macht schon längst eingebüßt haben. Diese Schaukämpfe veranstalten zu können, macht aber die Macht der Medien aus. Sie stellen die Kanäle dar, durch die zumindest jene Macht fließen muss, von der man will, dass sie gesehen wird.

Wer über die Kanäle der Macht spricht, dem eröffnet sich allerdings ein weites Assoziationsfeld. Dass die Macht kein statisches Verhältnis ist, sondern dynamisch zwischen Personen, Gruppen, zwischen Einzelnen und Vielen fließt, sich immer wieder neu konstituiert, verzweigt, sich neue Zentren sucht und in alte zurückkehrt, wissen wir spätesten seit den diskursanalytischen Arbeiten von Michel Foucault. Dass die Macht aus demokratisch organisierten Gesellschaften nicht verschwunden ist, sondern sich nur eine andere Gestalt gegeben hat, können wir mit guten Gründen vermuten, auch wenn es eine Zeit lang inopportun war, von Macht zu sprechen und Machträger alle Macht von sich wiesen und nur mehr unter einer mitleidheischenden Last der Verantwortung zu stöhnen schienen.

Wie immer die Macht einer Gesellschaft organisiert ist - sie braucht Kanäle, Medien, über die sie sich mitteilen und durchsetzen kann, und sei braucht die Bilder ihrer selbst. Keine Macht ohne Attribute, keine Macht ohne ästhetische Präsenz, keine Macht ohne Symbole, aber auch keine Macht ohne Ablenkung, falsche Fährten und Irreführungen. Es gibt immer auch die geheimen und die dunklen Kanäle der Macht, die verborgenen Informations- und Befehlsflüsse, die im Hintergrund wirkenden Abhängigkeiten und Sachzwänge, die halblegalen und illegalen Druckmittel und Drohungen, die ominösen Hintermänner, unbekannten Einflüsterer, die grauen Eminenzen und die lustvoll kolportierten Gerüchte darüber, wer nun eigentlich "wirklich" das Sagen hat.

Wer das sagen hat. Diese alltagssprachliche Formel zitiert die Urszene der Macht. Jemand ist imstande, einem anderen seinen Willen aufzuzwingen und seine Interessen gegenüber anderen durchzusetzen. Ich kann machen, was ich will und du machst, was ich sage. Das ist Macht. "Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden." Die klassische Definition von Macht und Herrschaft, wie sie Max Weber im frühen 20. Jahrhundert festgelegte, hat nichts von ihrer Brisanz eingebüßt, auch wenn die starren Autoritätsverhältnisse längst ausgedient haben und eine illusionäre Beschreibung der Gesellschaft gerne vollmundig von Kommunikation, Kooperation, Verantwortung, Teamwork und Sachkompetenz dort sprach, wo es in der Regel schlicht um Macht ging. Heute sehen wir wieder ein wenig klarer, auch wenn wir die Dinge ungern beim Namen nennen und, um der Wahrheit der eigenen Sprache zu entgehen, gerne in euphemistische Anglizismen verfallen. Aber natürlich meint "leadership" nichts anderes, als dass die Abfolge von Befehl und Gehorsam funktioniert.

Macht ist nur dort, wo Befehlen gehorcht wird. Der Stachel des Befehls, von dem Elias Canetti schrieb, ist der Stachel der Macht, von dieser nicht zu trennen. Dass Befehle nicht im Kasernenhofton herumgebrüllt werden müssen, um befolgt zu werden, weiß jeder, der das sanfte Kopfnicken seines Vorgesetzten, seines Mitarbeiters, seines Partners befolgt. Macht hält sich natürlich nicht nur an ihre institutionalisierten Formen, an deklarierte und geordnete Formen der Abhängigkeit und Kompetenzaufteilung, spannender war immer schon, wie sich die Machtverhältnisse hinter diesen Fassaden gestalten. Und es gibt, gerade in komplexen Gesellschaften, in denen die offiziellen Machtgefüge unübersichtlich geworden sind und flache Hierarchien beschworen werden, immer auch die Macht der Ohnmächtigen. Denn Macht selbst ist eine relationaler Begriff. Sie bezieht sich immer auf den Anderen und ist dieser nicht willens und hat man keine Gewalt, kann es mit der Macht auch schon wieder vorbei sein.

Die Macht benötigt die Zustimmung ihrer Adressaten, dass macht die Macht immer zu einem tendenziell gefährdeten Unternehmen. Herrscher und Beherrschte - um einmal eine antiquierte, aber nichtsdestotrotz präzise Begrifflichkeit zu wählen - waren immer schon ein verschwiegenes Komplizenverhältnis eingegangen. Auch wenn hinter jedem Machtverhältnis letztlich ein elementares Gewaltverhältnis stecken mag - je vermittelter dieses auftritt, desto größer die Chance, Macht in gleichsam verdünnter Form durch die Kanäle der Gesellschaft pulsieren zu lassen, sodass sie mitunter die Gestalt einer wechselseitigen Abhängigkeit annehmen kann, bei der auf Anhieb gar nicht so leicht zu sagen ist, wer nun eigentlich das Sagen hat.

Wie stellen sich diese Probleme in einer modernen Mediengesellschaft dar, in der die politische Macht und ihre Protagonisten zunehmend den Gesetzen einer durch Geschwindigkeit, Sensationsgier und Unterhaltungslust gekennzeichnete Medienmaschinerie unterworfen zu sein scheinen? Keine Frage: Medien sind mächtig. Sieht man von der philosophischen Frage einmal ab, welche Macht den Medien dadurch zuwächst, dass sie nahezu konkurrenzlos Weltbilder und Interpretationsmuster anbieten können, so resultiert in einer liberale Gesellschaft die Macht der Medien vorab aus dem Anspruch, die institutionalisierte Macht zu kontrollieren. Anderseits können aber auch traditionellen Formen der politischen Macht nur mehr in und durch die Medien in Erscheinung treten. Macht und Medien: das ist die Geschichte einer höchst ambivalenten Verquickung.

Die Abhängigkeit des politischen Erfolgs von der Gunst vor allem der elektronischen Medien ist auf Schritt und Tritt zu spüren. Auch seriöse Zeitschriften veröffentlichen regelmäßig Statistiken, wie viel Sendezeit ein Politiker im Fernsehen für sich ergattern konnte. Diese Macht kommt den Medien allerdings nur insofern zu, als allgemein der Glaube herrscht, dass Medienpräsenz die Stimmung des Wählers beeinflussen kann. Die Medien sind Mittel, über die sich die Politik den Weg zum Wähler bahnt. Überhaupt gewählt werden zu müssen, Macht also nur auf Zeit geliehen zu bekommen, macht politische Macht in der Demokratie übrigens immer schon zu einer Macht aus zweiter Hand. Selten nimmt man diese demütig an. Eher versucht man, diese Macht hinter dem Rücken des Wählers zu stabilisieren. Manchmal scheitert dies an den Medien; manchmal kann man sich aber genau dafür auch einige Medien kaufen.

Medien handeln im Gegensatz zu einer landläufigen Meinung nicht mit Informationen, sondern mit dem höchsten Gut, das eine Mediengesellschaft bereitstellen kann: Aufmerksamkeit. Informationen sind bestenfalls das Rohmaterial, aus dem die Aufmerksamkeitsangebote verfertigt werden. Zu diesen Angeboten zu gehören, muss das Ziel von Politik sein, denn Medien versprechen Präsenz, und wer in den Medien präsent ist, hat Erfolg. Was wie ein geschlossener Kreislauf aussieht, bekommt seine Faszination allerdings erst dadurch, dass er immer wieder durchbrochen werden kann. Reine Medienprodukte, von Medien für Medien erfunden, sind selten wirklich durchschlagskräftig. Nach wenigen Wochen sind sie vergessen. Erst dort, wo ein Bewusstsein von der Differenz zwischen elementarer Wirklichkeit und ihrer medialen Vor- und Nachbearbeitung mitgedacht werden kann, können Medien den Eindruck hinterlassen, einer faszinierenden Sache auf der Spur zu sein. Aus diesem Grund ist auch die Wahlrede vor Ort nicht durch den Fernsehauftritt ersetzbar. Und es wird immer einer Grund zur Freude sein, wenn eine von Medienberatern auf Medienpräsenz getrimmte Medienerscheinung trotzdem nicht die Gunst des Wählers bekommt.

Die Gesetze medialer Aufmerksamkeit sind allerdings andere als die des politischen Handelns. Erstere zum entscheidenden Kriterium zu machen, kann schon auch bedeuten, dass letzteres sich seinen eigenen Machtimpulsen gegenüber kontraproduktiv verhalten muss. Politik kann im Schweinwerferlicht der Medien schnell zu einer Show verkommen, so wie umgekehrt die Kontrollfunktion der Medien schnell in saisonbedingte Scheinmoral verfallen kann. Wenn hochrangige politische Funktionäre zurücktreten müssen, weil sie sich einen Freiflug gegönnt haben, dann kann dies nur bedeuten, dass diese so genannten Entscheidungsträger schon längst nichts mehr zu entscheiden hatten. Das pathetische Spiel von Aufdeckung und Rücktritt war nur Schein, inszeniert um Aufmerksamkeit zu ergattern. Unter diesen Medienskandalen leiden nicht zuletzt die Medien selbst, die immer mehr sein möchten als eine selbstreferentielle Ablenkungsindustrie. Der Ernstfall in der Wirklichkeit - der Krieg, die Katastrophe, das Hochwasser - ist deshalb auch immer eine mediale Sternstunde, in dem das Medium zeigen kann, wie affin es auch einer Wirklichkeit sein kann, die nicht vorab schon medial produziert worden ist. Dass bei der Herstellung des Ernstfalls von Medien mitunter schon auch ein bisschen nachgeholfen wird, ist ein bösartiger Verdacht, der allerdings von Karl Kraus bis Günther Anders wohl nicht ganz ohne Grund die Medienkritik durchzieht.

Das mediale Aufmerksamkeitskarussell lenkt auch davon ab, dass die demokratisch legitimierte Formen von Macht tatsächlich erodiert sind und auch Politiker zu Angestellten dieser Unterhaltungsindustrie geworden sind, oft ohne es zu wissen. Die Macht, einer Gesellschaft ihre Rahmenbedingungen vorzugeben, hat sich von den Parlamenten und den politischen Parteien an andere Instanzen und Verfahren verlagert, die offenbar nicht mehr so leicht lokalisierbar sind. Ein Netz von Interessensvertretungen, Lobbys, Seilschaften, die sich nicht mehr in traditionelle weltanschauliche Positionen zwängen lassen, kommt als Kandidat für moderne Machtflüsse ebenso in Frage wie die Eigendynamik moderner Finanzmärkte, Mediensysteme und Technologien, die alles ihren Gesetzen und Sachzwängen unterwerfen will. Gerade wer die so genannten Sachzwänge und irreversiblen Entwicklungen einer fortschrittsorientierten Gesellschaft beschwört, huldigt allerdings einem Geschichtsfatalismus, der die Macht der Mächtigen in Ohnmacht verkehrt. Wer als politisches Programm nur noch den Satz anbieten kann, dass alles getan werden muss, um einer Entwicklung zu gehorchen, die man nicht aufhalten kann, hat offenbar jeden Gestaltungswillen aufgegeben.

Das allerdings bedeutet: gerade in komplexen Gesellschaften ist die Macht womöglich schon längst nicht mehr dort, wo wir sie dem Anschein nach noch vermuten. Die Kanäle der Macht hatten immer eine sichtbare und eine unsichtbare Seite. Wenn nicht das Licht, so scheute die Macht doch stets das Rampenlicht. Was sich in diesem tummelte, waren in der Regel vorgeschobene Figuren oder Untergangskandidaten. Es spricht im Grunde wenig dafür, warum sich dies in einer Mediengesellschaft geändert haben sollte.

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Eine Kurzfassung des Textes erschien im STANDARD/Album, 31.8./1.9.2002.

6. Philosophicum Lech

Unter dem Titel "Die Kanäle der Macht. Herrschaft und Freiheit im Medienzeitalter" findet vom 12. bis 15. September 2002 das von Konrad Paul Liessmann konzipierte 6. Philosophicum Lech in Lech/Arlberg statt.

Es referieren und diskutieren Norbert Bolz, Christina von Braun, Elisabeth Bronfen, Oscar Bronner, Hubert Burda, Georg Franck, Peter Glotz, Boris Groys, Karl-Otto Hondrich, Klaus Kinkel, Reinhold Knoll, Robert Menasse, Franz Morak, Thomas Meyer, Rainer Paris, Andreas Rudas, Ron Sommer und Cora Stephan.

Service

Anmeldung und Information: +43 5583 2161-228.

Link

philosophicum.com

  • Konrad Paul Liessmann
    foto: standard/cremer

    Konrad Paul Liessmann

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