Die Kasperln des Bösen

5. September 2002, 00:12
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Slipknot gaben in Wiesen eine Lehrstunde in Provokation

Wiesen - Tabubruch, Überschreitung von Geschmacksübereinkünften, das Liebäugeln mit dem Bösen - und manchmal einfach reine Provokation: Wer sich vom plakativen Umgang der Popkultur mit dem Rohen, wer sich von ihrer Faszination für Gewalt abgestoßen fühlt, hat seine Pflichtfunktion als Mitglied des angefeindeten "Systems" schon erfüllt. "Wir" gegen "euch". Pop bedeutet vor allem auch: Abgrenzung.

Nicht erst seit heute gilt die psychologische Binsenweisheit, dass die Risse und Leerstellen, die noch unsichere eigene Identität beim Jugendlichen gern mit Leihgaben aus der Medienwelt, mit Symbolen, Ritualen und sozialen Praktiken getarnt werden. Wenn die Wirklichkeit zu harsch in die eigene Welt einbricht, flüchtet man sich ins Reich der Fantasie.

Eigene Schwächen werden mit heroischen Leihgaben verdeckt. Die Angst vor der Welt wird mit ihrer Ablehnung bekämpft. Jedem Teenager sein Monster-T-Shirt. Jedem von der als böse empfundenen Erwachsenenwelt Angewiderten eine Schallplatte mit Hassgesängen. Insofern gibt es hier seit Alice Cooper nichts Neues unter der Sonne.

Die US-Metal-Monster Slipknot, die in Wiesen vor 8000 Zuschauern über die Bühne bolzten, bilden keine Ausnahme. Ihr ultrabrutalistisches Auftreten, ihre vor (Selbst-)Hass und Weltekel strotzenden Alben, auf denen sich Songs wie People = Shit oder I Am Hated finden, mögen zwar als Tausendste Variation des immer gleichen bösen Blödsinns niemand wirklich aufregen.

Wegen ihrer einförmig schlechten Laune bei schlichter Darbietung (siehe auch: Vorschlaghammer) mag aber karrieretechnisch das Anlegen von Monstermasken hilfreich gewesen sein.

Tragisch und zynisch dabei: Richtig erfolgreich wurden Slipknot im deutschsprachigen Raum ohnehin erst, als sie wegen des Amoklaufs in Erfurt ins Gerede kamen. In der CD-Sammlung des Täters fanden sich auch sie. Sofortiger Radio- und Fernsehboykott, eine stornierte Deutschlandtournee, in die Höhe schießende CD-Verkäufe und eine mehrwöchige Debatte über den schädlichen Einfluss der Medien und die latente Gewaltbereitschaft durch Konsum von medialer Gewalt später gilt festzuhalten:

Den Slipknot-Song Schoolwars, der angeblich zum Lehrermord in Erfurt aufforderte, gibt es nicht. Er wurde nie geschrieben. Wie es bei Slipknot, sagen wir, tendenziell keine direkten Aufrufe zu Straftaten gibt, sondern "nur" Gewaltfantasien, mit der Betonung auf geschmacklos. Den Rest, nämlich wie aus Fantasie Wirklichkeit wird, werden uns dann schon die Eltern erklären müssen. Oder wurde schon einmal beantragt, das Kunsthistorische Museum in Wien für Kinder und Jugendliche zu sperren? Wenn Sie verstehen, was gemeint ist.

Der Rest ist ein grausames Kasperltheater für große und in diesem Alter leider immer etwas missratene Kinder. Früher nannte man das wohl Generationskonflikt.

(DER STANDARD, Printausgabe, 31.08.2002)
von Christian Schachinger
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    Tabubruch und Überschreitung von Geschmacksübereinkünften

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