Das Gekaufte als Ereignis

1. September 2002, 23:19
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Mozart mit Anne-Sophie Mutter und den Wiener Philharmonikern

Salzburg - Ähnlich ihrem Labelkollegen Krystian Zimerman bevorzugt auch Anne-Sophie Mutter eine Art von Programmkompaktheit, die ihr die Möglichkeit gibt, über eine gewisse Auftrittsstrecke Erfahrungen zu sammeln. Seit einiger Zeit sind es die fünf (anerkannten) Violinkonzerte Mozarts (ergänzt um die Sinfonia concertante KV 364), mit denen die Geigerin global herumreist.

Die hiesige Camerata spielte dabei eine stützende Rolle, nun aber waren es die Wiener Philharmoniker, die sich in kammerorchestraler Besetzung für eine Wahrheitsfindung bereithielten.

Sie leisteten so gut wie alles, in hellhörigster Demut und in allen Fragen der tempomäßigen Disposition auch dem Fairnessgedanken entsprechend. Nur selten durfte man ein an sich in Mozart-Fragen wienerisch selbstbewusstes Ensemble so anstellig, so aufopferungsvoll dienend erleben. Werfen wir ein rückhörendes Auge auf den zweiten Termin mit den Konzerten Nr. 4 (KV 218) und Nr. 3 (KV 216), dann blieben die von Frau Mutter mit Verve, mit Selbstverständlichkeit vorgetragenen, sauber intonierten Kopfsätze in bester Erinnerung.

Es scheint, als ob sie in den bewegteren Zeitmaßen mit sicherem Instinkt und Erfahrung ihre ganz eigene Mozart-Linie findet, also ohne jede gestalterische Verrenkung musiziert. In den langsamen Sätzen neigt sie zu stauender, säuselnder, bis an die Wahrnehmungsgrenze zurückgenommener Tongebung mit dem gefahrvollen Resultat, eine schlanke, gefühlvolle Botschaft aus dem 18. Jahrhundert in die Schmerz- und Schmachtwelten des 19. Jahrhunderts zu verlegen.

Von sehr geschmälerter Glückhaftigkeit dann am Ende die Concertante mit Yuri Bashmet, wobei man sich fragen durfte, warum ein so erfahrener Solist diesen Part nicht längst im Kopf hat. Mutter gab das ihre auswendig, Bashmet wendete die Noten - und er wendete sich auch an das Orchester, wohl um zu zeigen, dass er sich längst als Dirigent herumgetan hat. Gelassenheit am Rande der Lässigkeit führt in diesem Stück fast immer zu Indifferenzen, ja zu Pannen.

In der Kopfsatzkadenz erwischte es die Geigerin, im langsamen Abschnitt umgarnte man einander in Mitternachtscocktail-Manier, und im Presto-Finale schien den Göttern der launigen Hast geopfert zu werden. (coss/DER STANDARD, Printausgabe, 31.08.2002)

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    Frau Mutter mit Verve

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