Spitzenpolitik als "suchthaftes Verlangen"

13. Mai 2005, 13:48
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Gesellschaftliche Macht und ihre unwiderstehliche Anziehungskraft auf gewisse Personen

In der hohen Politik würden Menschen "noch rascher und gründlicher deformiert als anderswo", bemerkte der SPD-Altpolitiker Erhard Eppler. Zumal Ehrgeiz und Leidensfähigkeit, die es ermöglichen, an die Spitze vorzustoßen, eine machtorientierte Persönlichkeitsstruktur voraussetzten, führt der deutsche Psychoanalytiker und Buchautor Hans-Jürgen Wirth diesen Gedanken fort.

Dann nennt Wirth Beispiele. Deutsche Beispiele - doch das, was er schildert, liest sich auch im heimischen Magnetfeld Jörg Haiders mit Wissensgewinn. Etwa wenn er vom ehemaligen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins, Uwe Barschel (CDU), schreibt.

Dieser endete 1987 wahrscheinlich durch Selbstmord in der Badewanne. Davor hatte ein Mitarbeiter "faule Tricks" aufgedeckt - Barschel hatte seinem Konkurrenten Björn Engholm von der SPD eine HIV-Infektion nachgesagt.

Selber andere fallen zu lassen oder von ihnen fallen gelassen zu werden, auf diese beiden "Alternativen" hin habe sich das politische und persönliche Schicksal Barschels zugespitzt, schreibt Wirth. Grund dafür sei ein seit Kindheitstagen ausgeprägtes "suchthaftes Verlangen nach Erfolg und Bewunderung".

Es folgen Kapitel über Helmuth Kohl ("Masse und Macht"), Joschka Fischer und dem Serbenführer Slobodan Milosevic, dem Wirth aus der Ferne eine Borderline-Störung attestiert.

Harte Bandagen also, die - so Wirth - dennoch nicht zu Politikverdrossenheit verleiten sollten: Erst wenn Bürger und Wähler den "Einfluss unbewusster psychischer Konflikte auf Entscheidungen höchster Tragweite" erkennen würden, könnten ihnen Politik und Politiker wieder "ein Stückchen näher" rücken. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe)

Hans-Jürgen Wirth
Narzissmus und Macht
Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik
Psychosozial-Verlag, Gießen 2002
439 Seiten, 25,60 €
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