Grüne Nudeln - "Hübsche Damen"

12. September 2002, 17:53
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Die M/S Dalmacija kreuzt in den Gewässern vor Dalmatien. Mit an Bord ist der Schick von einst

Bombastisches Getuuute, tief aus dem grummelnden Bauch eines Kreuzfahrtschiffes, kann einem bei verspäteter Anreise am Pier von Pula ganz schön Feuer unterm Hintern machen. Gewährt der Kapitän eine fünfminütige Gnadenfrist und erreicht man im Dauerlauf und unter Anfeuerung von Crew und Passagieren die bereits schwebende Gangway, scheint der Seereise nichts mehr im Weg zu stehen.

571 Seemeilen der Adria, von Pula bis Montenegro und zurück, durchpflügt die M/S Dalmacija jede Woche. Die Seefahrt - für Landratten sind das circa 1100 Kilometer - wird zu einer Kreuzfahrt zu den prächtigsten Flecken an der Küste Dalmatiens. Freilich muss noch eine der 142 Kabinen, sie messen zwischen neun und 18 Quadratmetern, gefunden, der Seesack geleert und der Welcome-Drink gekippt werden. Unterdessen steuert der Kapitän, manche Gäste nennen ihn ob seiner stolzen Haartracht schon bald "Löwe", sein Schiff mit 16 Knoten Richtung Mali Losinj. Dabei rülpst der Kamin kleine, schwarze Wolken in den murmelblauen Himmel, hinter dessen Vorhang bereits eine Unzahl Sterne auf ihren nächtlichen Auftritt warten.

Stunden vorher ertönt eine einfache, auf einem Xylofon gehämmerte Melodie, die das Abendmahl im Speisesaal ankündigt. Die Melodie bleibt Abend für Abend, der Speiseplan variiert. Ein Tisch ist schnell gefunden, und der Wein bald gewählt. Das Studium des täglich wechselnden Speisezettels beansprucht da schon mehr Zeit - und Fantasie. Das Geschriebene gleicht einem surreal-kulinarischen Manifest: Der "überkrusteten Eier Frucht namens kleine Welt" geht ein "Hummer Kapitäns Art" voraus. Danach wird stolz ein ziemlich plattes Omelette mit dem erhebenden Namen "Leuchtturm" serviert. André Breton, Louis Aragon und Konsorten können leider nicht erscheinen, der Kellner schon, immer wieder, Gang für Gang.

Auch wenn der Küchenchef ein geistiger Nachkomme der Surrealisten sein mag, bei der Suppe verließ ihn der gute Geist. Die Einlagen variieren, aber nicht sehr. Vielleicht ist es aber auch ein Übereinkommen mit seinen Kollegen von der "Adriatic Bend", die jede Nacht mit "echter Musik" im so genannten Grand Salon aufspielt. Die Einlagen, die diese Truppe nicht mehr ganz taufrischer Burschen für eine Hand voll Unermüdlicher in Endlosschleife spielt, schwimmen in einer Suppe namens Hammondorgel-Gewimmer.

Luxus wird an Bord der Dalmacija aber nicht nur in Speisefolgen, sondern vor allem in Grad Celsius gemessen. Um so kälter, desto luxuriöser. Besonders schick ist es im Grand Salon. Um nicht zu frieren, knabbert man Kartoffelchips. Oder man tanzt auf einer Tanzfläche, die Scotties Beam-Station auf der Enterprise ziemlich ähnelt. Dazu ertönt Tom Jones' "Delilah" in einer Version, wie man sie von heimischen Feuerwehrfesten kennt.

Ebenfalls sehr fein ist die Bar, die hier "Lido Bar" genannt wird. Der "Lido" liegt an einem kleinen, düster gestrichenen Pool. Eine vom Surrealismus erfasste Familie aus Leipzig nennt ihn Wasserloch. Zwei Kübel Himmelblau würden dem Abhilfe schaffen. Am Tresen sitzt der Steward, auf seinem Brustschild steht "Dean" geschrieben. Dean ist aus Rijeka. Seine Föhn-Tolle ist eine kroatische, charmante Hommage an James Dean.

Der Speisesaal ist auch luxuriös, aber nicht ganz so kalt. Außerdem liegt seine Stärke wie gesagt eher im Literarischen. Vor allem am Mittwoch, denn da steht ein besonders feines Stück dalmatinischer Küche - "Nudeln mit Tartufen" am Speiseplan. Hinter dem Fenster würde ein nicht uninteressanter Teil der dalmatinischen Küste vorbeiziehen. Aber vorbeiziehen tut gar nichts - außer dem Oberkellner. Die kiloschweren Vorhänge sind zugezogen, damit die Kerzen ihren weihnachtlichen Schein auf die dalmatinische Mahlzeit werfen können.

Die M/S Dalmacija ist ein großes, weißes Schiff. Stolz wäre die falsche Beschreibung für das vor drei Jahren renovierte und 1967 erbaute Schiff. Charmant trifft es punktgenau. Steht man auf diesen neojugoslawischen Plüschdekor, könnte die Dalmacija ruhigen Gewissens als stählerner Charmebolzen von 117 Metern Länge und 17 Metern Breite bezeichnet werden.

Auf den Decks der Dalmacija wuseln gottlob keine kartoffelbraunen Sascha Hehns umher, die einem regenbogenfarbene Drinks mit Schirmchen nachtragen. Hier wird überhaupt nicht gewuselt und schon gar nichts nachgetragen. Die Besatzung, bestehend aus 102 Personen, legt Wert darauf, den Passagier nicht zu stören, außer im Speisesaal.

302 Gäste hätten Platz auf der Dalmacija, 68 sind es diese Woche. Deutsche, Österreicher, Italiener, Kroaten, Franzosen und ein Belgier. Man ist also ungestört, beim Sonnenbaden, beim In-die-Ferne-, Auf-die-Sterne- oder In-den-"Lido-Bar"-Fernseher-Stieren. Nur das Xylofon, das Getuuute oder das Zu-Bruch-Gehen eines betagten, aber schön anzusehenden Deckchairs haben die Macht, akustisch einzugreifen.

Die Landschaft ist ein Traum, das Meer so klar wie ein kroatischer Klarer. Dubrovnik glänzt mit neu gedeckten Dächern und blank polierten Straßen. Der Ort, an dem Winnetou und Konsorten dem Schatz im Silbersee hinterhergaloppierten, wird auf einer Insel namens Dugi Otok besichtigt.

Auf den Inseln Hvar und Korcula berichten steinerne Markuslöwen an den Häusern vom einstigen Reichtum der venezianischen Herren. Letztere Insel soll übrigens die Heimat des Marco Polo gewesen sein. Sicher ist, dass man hier ganz wunderbaren Tintenfisch serviert bekommt. Split mit seinem Diokletianspalast beweist, dass Kaffeehäuser ganz ideal in antikes Ambiente passen, und die Schifffahrt nach Montenegro ist eine gewundene: Wie eine gigantische, mythische Schlange schneidet das Meer weit ins Land bis zu dem einstigen k. u. k. Marinehafen Kotor.

Am letzten Abend, ausgerechnet beim "Kapitäns Abschied Abendessen", zeigt die See ihre Zähne in Form von Schaumkronen. Aus dem bereits gewohnten, strammen Pflügen durch die Adria wird ein Rollen des Schiffes, und die ansonsten zuverlässige Linie des Horizonts unternimmt regelmäßig Luftsprünge. Dem Dinner mit seinem Hauptgang "Grüne Nudeln - Hübsche Damen" folgen, während man in der Küche noch immer in der "Kraft Brühe Parma" watet, einige grüne Gesichter. Das ansonsten gemütliche Sitzen wird zum Tischerlrucken, und auch der nette Herr aus Wien, Mitglied des k. u. k. Marineclubs und Kenner von Geschichten rund um Tegetthoff, Lissa und anderem nostalgischem Material, überlegt zwischen den Wellenbergen mit schweißbeperlter Stirn, ob er nicht vielleicht doch aufs falsche Pferd gesetzt hat. Doch vorerst kippt nur sein Weinglas, wenig später der totenstille Belgier vom Nebentisch - samt Stuhl. Der Kapitän entschuldigt sich persönlich, aber schuld ist die Bora und die gehört nun mal dazu zu einer Seefahrt.

Am nächsten Morgen liegt die Dalmacija wieder in Pula. Die Bora hat sich schlafen gelegt, und das Schiff ist doch nicht gesunken. Bei einigen Passagieren wich über Nacht die goldbraune Gesichtsfarbe einer gewissen Blässe um die Nase, und die zeigt längst Richtung Heimat, als wenige Stunden später ein neuer Schwung Touristen am Pier steht und noch nichts ahnt von Löwen und grünen Nudeln mit hübschen Namen. (Michael Hausenblas/DER STANDARD, Printausgabe, 30.08.2002)

Info

Die M/S Dalmacija startet jeden Samstag in Pula. Die letzte Woche beginnt heuer am 12. Oktober

Saisonstart 2003 ist voraussichtlich Ende April

Buchung

Gruber Reisen, Graz, Tel. 0316 / 708 90

Adria Reisen, Wien, Tel. 01 /526 36 30-0

I.D. Riva Tours, München Tel. 0049 / 89 / 231 10 00

Preise von € 520 bis 1280
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