HipHop aus dem Gefängnis

2. September 2002, 13:05
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Der wegen Drogen einsitzende HipHopper John Forté veröffentlicht ein zartbitteres Abschiedsalbum. Sein Freund Wyclef Jean betreibt mit Coverversionen Ausverkauf

Betrachtet man den Werdegang der "Fugees"-Künstler seit ihrem kommerziellen Durchbruch mit The Score aus 1996, muss man eine ständige qualitative Kurve nach unten konstatieren. Zwar führen die Solo-Alben von Wyclef Jean und Lauryn Hill inhaltlich weiter Klage und appellieren an das Gute im Menschen. Musikalisch vertraut man dabei aber bis heute auf die damals gefundene, erfolgreiche Form. Sieht man einmal von dem veröffentlichten Gitarrenkurs für Anfänger von Lauryn Hill ab, regiert Stagnation. Wyclef Jean, dem nachgesagt wird, er habe die Idee mit den Coverversionen gehabt, mit denen The Fugees Welterfolge verbuchten (Killing Me Softly), reizt diese Idee gnadenlos aus. Besaß seine Stayin' Alive-Adaption (1997) noch abartigen Charme, wurde es in Folge peinlich: John Denver musste dran glauben und auf seinem neuen Album Masquerade erfährt Bob Dylans Knocking On Heavens Door die Ehre der "Verhiphopisierung". Der Rest des Albums verströmt Mainstream-HipHop für Familien der Mittelschicht: Sozialkritik als Barbecue-Soundtrack: "Reichst du mir mal die Sauce?" Yo, Man! Friede und Mahlzeit.

Ein anderer Mann aus dem Fugees-Umfeld, der seit The Score zu den Refugee Allstars zählt, veröffentlichte dieser Tage sein zweites Album: John Forté. Forté kennt die Fugees seit den frühen 90er-Jahren. Damals lernte er Lauryn Hill kennen und hatte später bei The Score seine Hände mit in der Produktion. Zwei Jahre später veröffentlichte er sein Solo-Debüt Poly Sci. Dieses enthielt den kleinen Hit Ninety Nine (Flash the Message) und wurde von der Kritik ziemlich gestreichelt. Trotzdem ging es mit Forté plötzlich steil bergab. Grund dafür war jedoch weniger ein kreatives Problem als der Umstand, dass er am Flughafen Newark in New Jersey mit 15 Kilo Kokain erwischt wurde und zur Zeit 14 Jahre wegen organisierten Drogenhandels absitzt. In der Zeit vor seiner Verhandlung nahm er I, John auf.

Unter dem Eindruck einer anstehenden Verurteilung entstand ein eindringliches Album. Elegische Balladen mit Klavierbegleitung und bitteren Streichern sind darauf ebenso zu hören, wie jene Mischung, mit der die Fugees dem HipHop ursprünglich den Weg in den Mainstream öffneten: Also mit karibischen Rhythmen gewürzter HipHop. Diese Formel erweitert Forté mit elektronischen Zutaten genauso wie stellenweise eine Rockgitarre zum Einsatz kommt oder ein cooles Jazz-Horn geblasen wird. Am überzeugendsten ist Forte in den Reggae-HipHop-Hybriden wie etwa dem Song Harmonize, einem Midtempo-Song, der von einer akustischen Gitarre begleitet wird und in dem sich Forté den Gesang mit Robyn Springer teilt.

Andere Berühmtheiten, die Forté beiseite stehen, sind Dinah Washington und Herbie Hancock. Gerade der mit Washington vorgetragene Titel What A Difference (A Day Makes) führt vor, welche Prioritätenverschiebung in dieser Zeit des drohenden Freiheitsentzuges eingetreten sein muss: Nachdenklichkeit, Trauer, aber auch Hoffnung treffen in What A Difference aufeinander und prägen so von Beginn an die Grundstimmung von I, John. Hoffnung hegt Forté immer noch. Sein Verteidiger beeinspruchte eben wieder sein Urteil. Doch die Staatsanwaltschaft ist im Besitz von Bändern mit Fortés Stimme, die seine Mittäterschaft belegen sollen. Sollte sich das bewahrheiten, liegt mit I, John wahrscheinlich das Abschiedswerk dieses Talents vor: Traurig wie der Refrain im Schluss-Song Reunion: "I will remember you as family." (derStandard/rondo/30/8/02/Karl Fluch)

John Forté - I, John (Sony)
Wyclef Jean - Masquerade (Sony)
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