Tintenfluss, Gedankenfluss

3. September 2002, 13:03
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Der Max-Reinhardt-Pen von Montblanc ist ein Unikat. Er war die Trophäe des "Young Directors Project" bei den Salzburger Festspielen. Über Sponsoring und Gewinnmaximierung sprach Montblanc-Präsident Norbert A. Platt mit Thomas Trenkler

Die Jury des ersten "Young Directors Project" im Rahmen der Salzburger Festspiele fällte vor zwei Wochen ein scheinbar salomonisches Urteil: Das Preisgeld, 10.000 Euro, erhielten die drei Jungregisseure, die Jürgen Flimm, der Theaterchef, zu diesem Wettbewerb eingeladen hatte, gemeinsam. Eigentlich ging es aber um den Max-Reinhardt-Pen, ein Unikat von Montblanc. Denn allein der Herstellungspreis der Füllfeder, die logischerweise nur einer bekommen konnte (und dem Franzosen Frédéric Fisbach zuerkannt wurde), dürfte bei 30.000 Euro gelegen haben. Und wert ist dieses meisterhafte Schreibgerät sicher mehr als 100.000 Euro. Sagt Norbert A. Platt, der Präsident des Hamburger Traditionsunternehmens.

Dass Montblanc die Füllfeder nicht aus Jux und Tollerei kreierte, ist klar. Platt macht auch kein Hehl daraus. "Wir verfolgen eine Marketingzielsetzung. Wenn Sie eine Annonce zum Beispiel im Stern schalten, kommen Sie nicht unter 50.000 Euro weg. Wenn also der Füller samt Nebenkosten einen ähnlichen Betrag kostet, dann ist das eine gute Investition: Weil sie langfristig wirkt. Während die Annonce morgen wieder im Papierkorb landet." Und sie wirkt langfristig, weil darüber - und über das Kulturengagement des Unternehmens - geschrieben wird. Auch das RONDO landet einmal im Papierkorb. Aber Journalisten nach Salzburg einzuladen, die über das Project "powered by Montblanc" berichten, kommt ebenfalls billiger.

"Wir geben ja zu, dass wir Kultursponsoring nicht nur machen, weil wir so nette Kerlchen sind", sagt Platt beim Gespräch, standesgemäß im Sacher. "Da ist ein Unternehmen. Und eine Unternehmensabsicht. Und diese ist Gewinnmaximierung. Aber das besonders Schöne ist: Dass wir uns kulturell engagieren können. Also: Ein Unternehmen wie unseres kann versuchen, beides zu kombinieren, diese Wechselwirkung herzustellen."

Für Kulturengagement braucht es Geld. "Wenn man nix auf der Naht hat, um es schnoddrig zu formulieren, hilft das ganze Wollen nichts." Auch klar. Aber Montblanc engagiert sich ziemlich: Die Mitarbeiter können um zehn Euro pro Jahr eine "Kulturkarte" erwerben, mit der sie Premieren des Thalia Theaters und der Hamburgischen Staatsoper, Ausstellungen in der Kunsthalle und alle Konzerte der Montblanc Philharmonie der Nationen zu einem um 80 Prozent ermäßigten Preis besuchen. Zudem erwirbt die Montblanc Kulturstiftung Kunstwerke und ehrt alljährlich bedeutende Mäzene.

Wenn Montblanc die Kulturaktivitäten permanent erweitert, bedeutet dies, dass es dem Unternehmen immer besser geht. Was Platt bejaht. Natürlich nicht ohne Stolz. Aber der Firma ging es nicht immer gut. Anfang der 80er-Jahre sei sie "technisch in Konkurs" gewesen. "Wie zuvor die Schweizer Uhrenindustrie: Die Analoguhr war so out wie der Rechenschieber. Es war die Zeit der Technikgläubigkeit. Als ich 1987 zum Unternehmen kam, haben wir uns die Frage gestellt: In welchem Geschäft sind wir? Sind wir nicht doch im Kommunikationsbusiness? Und es wurde diskutiert, ob wir aus unserem schwarzen Edelharz Computer-Mäuse machen sollen." Aber man hätte "den Mut" gehabt, nicht mehr im Schreibgerätegeschäft sein zu wollen. Sagt Platt. "Unser Geschäft ist es, den Menschen zu helfen, ihre Gefühle auszudrücken." Klingt gut. "Dadurch können wir den Ansturm der modernen Technologien nicht nur überleben, sondern auch ausbalancieren: wie zwei Lebenswelten, die sich ergänzen."

Seither produziert Montblanc Luxusartikel. Mit erstaunlichem Erfolg. Daher, auch wenn Platt es geschickt vermeidet, konkrete Zahlen zu nennen: "Je besser es dem Unternehmen geht, desto mehr kann ich für Kultur ausgeben." Und wenn es wirtschaftlich wieder einmal schlechter gehen sollte? Würde er das Kulturengagement nicht gleich reduzieren. Sagt Platt. Man müsse - wieder einmal - Mut haben. Und trachten, dass laufende Projekte, "auch wenn Controller sie als Quatsch bezeichnen", nicht von den Einsparungswellen erfasst werden: "Man muss an anderen Stellen sparen und sollte lieber Holzklasse fliegen! Auch der Chef sollte Holzklasse fliegen! Damit die Mitarbeiter verstehen, dass das Kulturengagement zum Selbstverständnis des Unternehmens gehört."

Und weil dieses eben zum Selbstverständnis gehöre, "halten wir die Maschinen an, um Dichterlesungen zu machen oder Theater zu spielen. Dadurch haben wir vielleicht weniger Krankenstände. Weil die Mitarbeiter die Firma gut finden." Und bezüglich Sponsoring gibt es noch viele weitere Projekte: Montblanc unterstützte das Konservieren von Bach-Partituren, die vom Tintenfraß angegriffen worden waren. Oder stellte Geld zur Verfügung, damit sich Jugendliche in der Bronx Musikinstrumente kaufen konnten. Oder "powered" eben zumindest vier Jahre lang das Salzburger Jungregisseuren-Projekt. Flimm, "ein guter Bekannter aus Hamburg", ehemaliger Direktor des Thalia Theaters, hätte ihm dieses dargelegt: "Mensch, du, da müsst ich Geld für haben. Sagte er. Und für mich hat das gepasst."

Aber ist es nicht schon pervertiert, ein Schreibgerät herzustellen, das derart exklusiv und teuer ist, dass niemand damit schreiben wird? "Wenn ein Füller nur dann seine Seele entwickeln kann, wenn damit Gedankenfluss Tintenfluss wird, dann haben Sie recht. Das Schreibgerät wird unglücklich sein, wenn es ewig im Tresor liegt." Doch darüber könnte man noch lange philosophieren. (derStandard/rondo/30/8/02)

  • Artikelbild
    foto: montblanc
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