von Clarissa Stadler
"Ganz viele was?"

5. September 2002, 12:36
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"Es ist Vollmond", sagt irgendjemand, aber ich beschließe, die käsige Kugel zu ignorieren und so zu tun, als wäre es irgendeine Nacht. Eine Nacht wie jede andere, in der man abends zu Bett geht, schläft und morgens erfrischt aufwacht. Das denke ich, als es neun ist, und das denke ich immer noch als es zehn ist. Um elf Uhr denke ich das nicht mehr, denn da läutet das Telefon. "Wer ist da?", frage ich in die nächtliche Leitung, aber es keucht nur und stammelt. Dann lege ich auf. Verfluche den Schmalspurwerwolf am anderen Ende der Leitung. Es läutet wieder. Es ist Andrea, in einem Zustand der äußersten Entrücktheit, wie sich sofort herausstellt. "Andrea?", sage ich, "Was ist los? Wo bist du? Und wer ist noch da?"

"Tiere. Vögel. Ich weiß es nicht. Es ist ein Alptraum, und es ist in meinem Wohnzimmer. Du musst sofort kommen. Ich sterbe vor Angst." "Bleib, wo du bist, bewege dich nicht und halte durch. Ich bin gleich da." Ich weiß nicht, wo man solche Sätze hört, und woher die routinierten Rasanz eines Emergency-Room-Rettungsfahrers kommt. Ich stürze zu Andreas Wohnung und finde sie bleich vor ihrer Wohnungstüre. "Wir können da nicht hineingehen. Es sind ganz viele." "Ganz viele was?", versuche ich zu erfahren, aber Andrea ist nicht mehr bei Sinnen.

Als wir die Türe öffnen, huscht ein schwarzer Schatten über unsere Köpfe hinweg. Ich fühle mich definitiv nicht mehr wie ein Retter, sondern verfluche unsere Zeit, in der Frauen stark sein müssen, anstatt mit einer Portion Riechsalz in die starken Arme eines männlichen Beschützers sinken zu können. Der Mut ist ein Hund, und das Glück ist kein Vogerl, und als wir das Licht anknipsen, ist die ganze Wohnung voller Fledermäuse.

Es würde jetzt gut klingen, wenn ich zu Andrea sage: "Ach, bleib ganz cool, die sind morgen früh wieder weg" und lässig die Türe schließe. Aber das ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass wir beide laut kreischen und davonrennen und bei mir zu Hause sehr, sehr viel Whisky trinken. (derStandard/rondo/Clarissa Stadler/30/8/02)

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