Nachzipf

5. September 2002, 12:57
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+ + + PRO

von Markus Mittringer

Es ist ganz einfach. Es ist wie mit einer Slipeinlage: Man kann damit reiten, tanzen, schwimmen, weiße Jeans tragen. Das bisserl Leiden ist dann schnell vergessen. Außerdem kurbelt jeder einzelne Nachzipf die Wirtschaft an. Wovon wiederum alle profitieren. Gerade heute ist immer öfter zu beobachten, dass selbstlose junge Menschen, ohne auch nur eine Sekunde lang nachzudenken, ihre schulischen Leistungen drastisch einschränken, Freizeit und Sommer opfern, um tausenden angehenden Pädagogen ein Zubrot zum kärglichen Einkommen zu sichern.

Einzeln, in Kleingruppen oder auch flurschädigenden Horden werden sie die heißesten Tage eines jeden Jahres lang nicht müde, mit ewig gleichen Fragen, Österreichs kalenderlose Junglehrerschaft auf die Praxis in der Bildungsanstalt vorzubereiten. Gänzlich unvoreingenommen geben sie aber auch schon älteren, nur zu oft ohne eigenes Verschulden aus der verzehrenden Laufbahn geworfenen Lateinern, Germanisten und Kopfrechnern eine zweite Chance.

Mehr noch: Pädagogen, die ihr Streben nach Selbsthilfe in kleine Gruppen zusammengeführt hat, die in der Abgeschiedenheit der Natur beim Raften, Segeln oder Ballsport eifrig nach dem Sinn suchen, reist die Elite der Nachzipfler auf eigene Kosten nach - nur um diesen verlorenen Seelen beim gemeinsamen Ableiten und Deklinieren, beim Aufsatzschreiben, Körperertüchtigen und Wurstgrillen zu signalisieren: Gib nicht auf, fürchte dich nicht, denk an deine Pension und mach' weiter! Gerade diese Schüler haben einen Nachzipf verdient.

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- - - CONTRA

von Günter Traxler

An die 50.000 Schüler müssen nach erschöpfenden Ferien demnächst zu Nachprüfungen antreten, und nur 35.000 dürften es nach der Schätzung von Fachleuten schaffen. Auch wer im Laufe seiner schulischen Karriere an Nachzipfen in Mathematik mehrmals knapp vorbeigeschrammt ist, kann sich leicht ausrechnen, dass 50.000 jungen Menschen der Sommer vergällt wurde, 15.000 davon - vermutlich 30 Prozent - auch noch sinnlos. Das ist einfach nicht in Ordnung. Verteidiger der inquisitorischen Maßnahme preisen ihre abschreckende, beziehungsweise anfeuernde Wirkung - ohne Beweise. Wirkte die Abschreckung, gäbe es längst keinen Nachzipf mehr, beflügelte sie den Geist - erst recht nicht. Mit dem Nachzipf müssen Schüler büßen, was Schulpolitik, Schule und Elternhaus zehn Monate lang an ihnen verabsäumt haben. Was diese Institutionen gewöhnlich anders sehen, eiskalt entschlossen, die Schuld an diesem Versäumnis jeweils einander zuzuweisen. Und auf wessen Rücken? Na eben. Schüler haben einen Anspruch darauf, den Lehrstoff von unerschöpften Pädagogen so aufbereitet zu bekommen, dass sie ihn auch verstehen; und den Anspruch auf ein Zuhause, das sie in der Festigung des Lehrstoffes fördert statt alles auf die Schule abzuschieben. Der Nachzipf ist eine unangemessene Antwort auf die Verweigerung dieser Ansprüche. Wie? Manche sind einfach desinteressiert und faul? Woran das nur liegen mag? (derStandard/rondo/30/08/02)

  • Artikelbild
    foto:epa/chirkov
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