"Das ist jetzt die Wende in der FPÖ"

9. September 2002, 20:27
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Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger: Aus Geschlechterspiel wurde Machtkampf

Wien - Aus einem Geschlechterspiel wurde ein Machtkampf: Auf diese Formel lasse sich das Verhältnis von Jörg Haider und Susanne Riess-Passer seit der offiziellen Übergabe der Parteileitung im Mai 2000 reduzieren, erklärt die Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger von der Universität Wien im Gespräch mit dem STANDARD. Die komplizierte Beziehung zwischen Exchef und Jetzt-Chefin lasse sich in drei Phasen teilen:

Am Anfang stand die "Inthronisierung" der neuen Parteichefin durch Haider. Er übergab ihr das Zepter der Macht - und legte es ganz bewusst in weibliche Hände, aber nur als "Rollentausch auf Zeit". Haider habe ein "Spiel mit Erwartungen an typisch weibliches Verhalten" gespielt, seine eigenen Erwartungen - und die von vielen FP-Anhängern - an "typisch weibliches Verhalten" schienen eine Machtübergabe an eine Frau weniger bedrohlich wirken zu lassen als an einen Mann. Sie sollte loyaler, verlässlicher, weniger kampfbereit sein - diese Rollenzuschreibung hielt auch lange.

Bewusstes Kalkül

Die zweite Phase, seit 2000 bis heute, nennt Rosenberger die der "sexualisierten Performance" zwischen Haider und Riess-Passer. Dass Haider ausgerechnet in einer sehr männlich geprägten Partei wie der FPÖ eine Frau in der Frontlinie platziert hat, war bewusstes Kalkül. Beide hätten immer wieder und sehr offensiv mit traditionellen Geschlechterrollen kokettiert - was mit einem neuen Frontmann nicht gegangen wäre. Für Haider war es nur "ertragbar", einer Frau Platz zu machen. Er ging wohl unausgesprochen davon aus, dass es nicht für immer wäre.

Ausgang offen

Jetzt, in der dritten Phase sei das Geschlechterspiel aber in einen "ganz normalen Machtkampf" gekippt, sagt die Politologin. Die "Politikerin Riess-Passer, die in der Regierung bleiben will und auf den Machtgeschmack gekommen ist", kämpfe gegen den "Politiker Haider", von dem nicht klar sei, ob er "populistische Oppositionspolitik will oder sich für Europa vorbereitet". Das Ende des Machtkampfes sei völlig offen, meint Rosenberger, aber: "Das ist jetzt die Wende in der FP." Riess-Passer stehe für die "Strukturen in der Partei und in der Regierung". Haider aber spiele wieder die "Karte ,Gegen Strukturen, gegen das Establishment' - und zwar das Establishment der eigenen Partei". (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.8. 2002)

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    Von der Inthronisierung über sexualisierte Performance bis zum Machtkampf: Ein Machtwechsel an der Spitze der FPÖ kündigt sich an.
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