Abstumpfen im Hochwasser

2. September 2002, 18:04
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Es war jener Tag, als das Wasser Wien erreichte. Den Wirten zu unseren Füßen kroch das Wasser langsam in die Küchen. Ich stand mit U., dem Fotografen, auf der Brücke...

Das kleine Mädchen war ein wenig genervt: Es goss, der Wind pfiff kalt - und überhaupt war das Wetter nicht danach, sich auf die Donauinsel zu schmeißen. Zum Drüberstreuen war der Ausgang von der U-Bahn auf die Reichsbrücke dermaßen mit Menschen vollgestopft, dass man als Kind den letzten Rest Lust auf einen Ausflug verlieren musste: Ärsche, Ärsche, Ärsche - alle in Augenhöhe.

“Warum muss ich mir das anschauen”, greinte das Kind und zog - vergeblich - in die trockene Richtung. “Weil das interessant ist. Ist echt spannend. Wirst sehen”, fauchte die Mutter und zerrte die Kleine Richtung Copa Kagrana.

Es war jener Tag, als das Wasser Wien erreichte. Den Wirten zu unseren Füßen kroch das Wasser langsam in die Küchen. Ich stand mit U., dem Fotografen, auf der Brücke. Damit wir die Kälte nicht so spürten (es hatte fünf Minuten gedauert, bis wir klatschnass waren, aber wir waren jetzt schon über eine Stunde hier) schimpften wir über die Katastrophentouristen. Die Mutter mit dem Kind kam uns gerade recht - obwohl uns klar war, dass wir nur wieder einmal die bessere Ausrede hatten, zuzuschauen.

Flut-Überflutung in der Totalen

Zwei Wochen später war die Welt wieder in Ordnung. Die Sonne war gerade untergegangen, die Luft warm und im Luna Park waren alle nett. F. wollte wissen, wie das denn so gewesen sei mit dem Hochwasser. In Wien. In Schwertberg. Mittendrin, wie F. sagte - und es nicht böse meinte: Im Fernsehen sei das “so eine Sache”. Luftaufnahmen, Schwenks über Seenlandschaften, aus denen Dächer ragen, Bataillone, die Sandsäcke schupfen, All das “wirkt nach drei Tagen nicht mehr. Man stumpft so rasch ab.” Das sei ihm aufgefallen, als er nach einer Woche Flut-Überflutung in der Totalen plötzlich ein Detailbild gesehen habe. Eine kleine Badeente im Schlamm, mit eingedrücktem Leib. Ein Kind versuchte das Spielzeug zu retten. “Da ist mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst geworden.”

F. war das peinlich. So einen “Boulevardapproach” zu haben. Die Geschichte von dem kleinen Mädchen hat er deshalb anders gesehen als ich. Vielleicht habe die Tochter einen authentischeren Eindruck von dem bekommen, was ihn im Fernsehen kaum mehr erreicht habe. Auf der Brücke, meinte er, hätte er die Mutter aber vermutlich genauso gerne ins Wasser geschmissen wie ich.

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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