"Die weinende Susannah"

3. September 2002, 15:39
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Alona Kimhis packendes Romandebüt aus Israel

Wien - "Ich will kein richtig reales Leben haben. Nicht vögeln, nicht heiraten. Keine Karriere machen und keine Schneiderkostüme tragen. Keine Vollwertkost essen und kein Fitnessprogramm absolvieren... Ich bin eine Art Vampir." Die Protagonistin von "Die weinende Susannah", dem Romandebüt der Israelin Alona Khimi, erzählt auf sarkastische Weise von ihrer Lebensunfähigkeit zwischen Komplexen, Trauer und Lethargie.

Mutter, Tochter

Zu Beginn lebt die 33-jährige Susannah Rabin, deren Leben auf eine schicksalshafte Weise durch die Namensverwandtschaft mit dem ehemaligen israelischen Staatspräsidenten geprägt ist, in trauter Zweisamkeit mit ihrer Mutter. Wie eine Marionettenspielerin dirigiert diese ihr Leben und ist zugleich die Einzige, die den Kampf gegen all die Probleme der Tochter - vom gestörten Verhältnis zu ihrem eigenen Körper über das Essen in Gegenwart Unbekannter bis zur Schwierigkeit eine Straße zu überqueren - jeden Tag aufs Neue führt. Mit ihr kann Susannah alles teilen, und sie tröstet sie über so manches Leid hinweg.

Der Brief einer Verwandten aus Amerika, der die Ankunft des Cousins ankündigt, soll Susannas Leben grundlegend verändern. Sie wehrt sich gegen jegliche Art von Kontakt oder Berührung und leidet Qualen, weil jemand in ihr Revier eingedrungen ist und ihre Privatsphäre stört.

Mitunter erschreckend..

Kimhi erzählt Susannas Geschichte aus der Sicht eines Menschen, der sich damit abgefunden hat, keine eigene Weltansicht zu haben und der politische und gesellschaftspolitische Themen, von religiösen Konflikten bis zu Homosexualität, mit distanziert-emotionsloser Gleichgültigkeit wahrnimmt.

Die Direktheit, mit der die 1972 aus den UdSSR nach Israel emigrierte Autorin und ehemalige Schauspielerin dabei die Dinge beschreibt, ist anfangs ungewohnt bis Angst einflößend. Die facettenreiche Darstellung von Susannas komplexbeladener Persönlichkeit vermag immer wieder auch peinliche Berührtheit bei den LeserInnen zu provozieren. Zugleich aber vermittelt der originelle Schreibstil damit ein Gefühl von Eingeweihtsein und Vertrautheit. Eine packende, mitunter erschreckende und doch humorvolle Sozialstudie der israelischen Gesellschaft aus einer sehr persönlichen und intimen Sicht. (APA)

Buch

Alona Kimhi.
"Die weinende Susanna".
Hanser Verlag.
25,60 Euro.
ISBN 3-446-20214-5

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