Wo aus "wir" "die" werden

9. September 2002, 12:05
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Carla arbeitete früher in der Stazione Centrale Roma Termini als Chefin des Cambio. - Zugegeben, ihr und den vielen Kollegen, die aus dem arbeitsplätzearmen Kalabrien im Süden des Stiefels stammten, war es in der hochsommerlichen Tibermetropole oft zu heiß, und ein harmloser kleiner Schnupfen, der beim Heimataufenthalt ausbrach, konnte sich schon einmal zu einer veritablen Grippe ausweiten. "Aber damals standen wir für gemeinsame Ziele, wir von der Ferrovia Statale, die Hilfsbereitschaft unter Kollegen war abteilungsübergreifend. Heute darf ich nicht einmal den Kopierer aus der Reservierung verwenden, wenn meiner einmal kaputt ist", beschreibt die nunmehrige Chefin der Customer-Relationship-Abteilung die Folgen der Filettierung des Konzerns in Profit-Center.

Wenn jeder Arbeitsplatz mit einer Gewinn-und Verlustrechnung evaluiert wird, "reduzieren sich menschliche Beziehungen auf das Geschehen im Betriebsabrechnungbogen", analysiert Reinhard K. Sprenger. Das mag zwar die Kosten senken. Den in der Krise so dringend benötigten Innovationsgeist und die Kreativität wird es nicht beflügeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 31. 08/1. 09. 2002)

Von Johanna Zugmann
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