Schieß’ nicht auf den Analysten!

1. September 2002, 18:46
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Anleger-Frustration über Verluste hat sich an einer Berufsgruppe entladen: den Analysten - Gastkommentar von Michael Margules

Von „pos“...

Dem betreffenden Berufsstand wird mehr und mehr vorgeworfen, die von ihnen beobachteten Unternehmen zumindest teilweise bis hin zu sehr oft systematisch überbewertet (man denke nur an die Neuinterpretation des Wortes „pos“) und damit unwissenden Investoren wertlose Dividendenwerte angedreht zu haben. Grund für diesen Mißstand seien vor allem Interessenkonflikte (siehe auch den Kommentar an dieser Stelle über Börsengurus), weil viele der renommierten Finanzinstitute das Wissen und die gerade heutzutage nicht unbeträchtliche mediale Ausstrahlung der oder mancher Analysten unter anderem dafür nutzen, für das hauseigene Investment Banking lukrative Finanztransaktionen wie etwa Börsengänge, M&A-Transaktionen, Portfolio-Management-Mandate, etc. an Land zu ziehen.

und Jack Grubman(s)...

So berechtigt diese Beanstandungen im einzelnen sein mögen und so sehr sich das Mitleid insbesondere mit amerikanischen Vertretern der Analysten-Zunft angesichts der Tatsache, daß zum Beispiel ein Jack Grubman, seines Zeichens allmächtiger und bis kurzem noch hochgejubelter Telekom-Analyst, bei seinem nicht ganz freiwilligen Abgang nochmals rund 20 Millionen US-Dollar oder mehr – ich will es gar nicht genau wissen – durch seinen bisherigen Arbeitgeber Salomon Smith Barney (gehört zur Citigroup) kassierte, sich auch in Grenzen halten möge:

Die Kritik an den Aktienanalysten zielt am Kern der Sache vorbei. Viele Anzeichen deuten nämlich darauf hin, daß ihr Einfluß weit überschätzt wird. Als Beleg hierfür kann etwa die Tatsache herangezogen werden, daß laut Statistik im Jahr 2001 mehr als 95% der analysierten europäischen Aktien mit einer Kaufempfehlung versehen waren. Im selben Zeitraum haben die meisten europäischen Aktienmärkte mit Ausnahme von international nicht ganz so bedeutenden Börsenplatzen wie etwa Wien oder Moskau 10, 20 oder gar mehr Prozent ihres Wertes eingebüßt.

Im Verlaufe des bisherigen Jahres wiederum, und dabei noch verstärkt in den letzten Wochen, also dem bisherigen Höhepunkt in der Phase der Kursrückgänge, sind die Einschätzungen der Analysten weitaus weniger optimistisch, obwohl ja das durchschnittliche Bewertungsniveau offensichtlich deutlich gesunken ist. Es scheint also, daß Analysten mit ihren Empfehlungen die Entwicklung ihrer untersuchten Unternehmen zeitverzögert nachvollziehen, und die Investoren wenig auf deren Anlageempfehlungen vertraut haben.

...zur Eigenverantwortung

Unabhängig von dem zweifelsohne prozyklischen – und auch dazu wurde an dieser Stelle schon etliche Male Stellung bezogen – Verhalten der Finanzindustrie per se und damit auch ihrer Finanzanalysten darf festgehalten werden, daß trotz aller oft zweifelhaften und geschönten Lockrufe noch kein Aktionär gezwungen wurde, dieses oder jenes Wertpapier auf Basis einer Analystenempfehlung zu kaufen. Selbstverständlich dürfen aber auch Anleger eine gewisse Vorselektion und vernünftige Trefferquote angesichts der heutzutage unüberschaubaren Anzahl an Einzelwerten, Fonds und (Finanz)Derivaten von der nicht zu knapp entlohnten Analystengilde, auch wenn volkswirtschaftlicher Schwachsinn à la Grubman in Euroland, Aktiengott sei Dank, noch nicht verbreitet und verankert ist – verlangen und erwarten.

Gerade die aktuelle Börsenmisere, die selbst für etliche erfahrene Marktteilnehmer in ihrer Wucht und Dimension überraschend ausfiel, müßte zur (Selbst)Erkenntnis führen, wonach es sich immer lohnt, eigene Gedanken über Aktien und Aktienmärkte zu entwickeln. Dies inkludiert durchaus das Einholen der (Fach)Meinung anderer, wie auch jener von Aktienanalysten. Aber schlußendlich sollte die Entscheidung über Kauf, Halten oder Verkauf von jener Stelle kommen, die respektive deren Kontostand davon betroffen ist!

Nachlese --> Shares kann go down! --> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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