Letten - Minderheit im eigenen Land?

20. Oktober 2003, 12:35
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Nach den von Stalin angeordneten Massendeportationen und Überflutung durch Russen schien das lettische Volk verloren - Gorbatschow öffnete den Weg zu neuer Unabhängigkeit

Mit der Rückkehr der Sowjetmacht nahm die Repression der lettischen Bevölkerung weit größere Ausmaße an als in den Monaten nach der Annexion von 1940. Im Zuge der Zwangskollektivierung waren vor allem die Mittelbauern als "Kulaken" die Opfer der Massendeportationen. Auch an den Teilnehmern des Freiheitskrieges nach dem Ersten Weltkrieg wurde Rache genommen, ebenso an von den Deutschen - oft zwangsweise - rekrutierten Militär- und Polizeiangehörigen.

Die Deportation der Bauern hatte zur Folge, dass der Widerstand der "Waldbrüder" genannten Partisanen, die aus der ursprünglich gegen die Deutschen gerichteten nationalen Résistance kamen, und die in den bäuerlichen Regionen Unterschlupf gefunden hatten, 1949 zerschlagen wurde.

Insgesamt dürften den Verfolgungsmaßnahmen 13 bis 17 Prozent der Bevölkerung zum Opfer gefallen sein. Weitere geschätzte 100.000 gelangten als Flüchtlinge in die DP-Lager des Westens und wanderten vorwiegend nach den USA, Kanada, Australien und Großbritannien aus. Durch eine forcierte Industrialisierung wurde die Zusammensetzung der lettischen Bevölkerung sowohl sozial als auch national grundlegend verändert. Innerhalb zweier Jahrzehnte wurde das Verhältnis der Bevölkerungszahl zwischen Land und Stadt umgedreht. 1965 lebten bereits zwei Drittel der Bevölkerung Lettlands in Städten.

Eng im Zusammenhang damit stand die massenhafte Einwanderung von Russen, Weißrussen und Ukrainern. Der Anteil der Letten an der Bevölkerung war von 76 Prozent vor dem Krieg 1989 auf 52 Prozent gesunken. Die "Lettische Sozialistische Sowjetrepublik" war zu einem Staat zweier Nationen geworden, die jedoch nicht mit-, sondern nebeneinander lebten. Die Letten betrachteten die Russen als Eindringlinge und "Kolonialisten", was durch besondere Förderungsmaßnahmen für diese, zum Beispiel beim Wohnungsbezug, noch verstärkt wurde. Die Russen kamen gern, weil die Lebensqualität und die Versorgung im Baltikum immer noch besser war als in den meisten anderen Teilen der Sowjetunion.

Die Tauwetterperiode nach Stalins Tod brachte gewisse Erleichterungen. Die Aufnahmezahlen von Letten in die Kommunistische Partei stiegen stark an - man begann sich zu arrangieren. Auch Führungspositionen in der Partei wurden nun von Letten besetzt.

Ende der Siebzigerjahre begann sich Widerstand wieder zu organisieren, Kontakte zu Auslandsletten wurden wieder möglich. Die KSZE-Schlussakte von Helsinki eröffnete Hoffnungen auf größere Beachtung der Menschenrechte. Erstmals traten Dissidenten der Baltenstaaten gemeinsam auf. Doch die Führung unter Leonid Breschnjew war zu Reformen nicht bereit.

Die Wortführer der Dissidentengruppen wurden zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt. Noch einmal brandete über die baltischen Republiken eine Russifizierungswelle. Erst mit dem Amtsantritt von Michail Gorbatschow eröffneten sich auch für Lettland neue Perspektiven. Seine Perestroika wurde als Motor der demokratischen und nationalen Emanzipation ausgelegt. Es begann mit Protesten gegen umweltzerstörende Projekte. Gedenkveranstaltungen zu geschichtsträchtigen Daten der jüngeren Vergangenheit fanden großen Zulauf. Und das gemeinsamen Singen der alten Volkslieder wurde Ausdruck des gewaltlosen Widerstands, der "singenden Revolution".

Dann folgte die Kritik seitens der Intelligenz, die im Namen von "Glasnost" geschichtliche Wahrheit statt der Propagandalügen forderte. Erstmals wurden die Geheimzusätze des Hitler-Stalin-Pakts in der Sowjetunion veröffentlicht. Und schließlich bildeten sich in allen drei Republiken Volksbewegungen, in Lettland die "Latvijas Tautas fronte", die Volksfront, in der Reformkommunisten, Umweltschützer und Systemgegner zusammenfanden.

Unter dem Druck der Volksfront wurde Pressefreiheit gegeben, Lettisch zur Staatssprache erklärt und in Gesetzen wirtschaftliche Autonomie - immer noch Rahmen der Sowjetunion - praktiziert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.8.2002)

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