Das schöne Mirakel vom flinken, frechen Zecher

18. September 2002, 14:20
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Es war eine gemeine Linke: ein Humpler, der sich nach Speis und Trank flink aus dem Staub machte. Aber im Haarhof wusste man, wie man auch daraus Kapital schlägt. Teil XII

Ob es hier öfter Zechpreller gibt? "Selten. Fast nie", überlegt Daniela. Obwohl sie schon eine Zeit lang im Keller des Bierhofes ausschenkt. "Da war ein Fall", erinnert sie sich. "Da ist im Schanigarten vom Esterházy-Keller eine Frau gesessen, da hab' ich die Kollegin gleich gefragt, ob sie sicher ist, dass die bezahlen kann." Daniela "weiß, wie solche Typen aussehen - ich hab' im 21. serviert".

Jene Frau habe nicht zahlen können. Und sich aufgeführt: Geld habe sie keines, sollen sie doch die Polizei rufen, die würden sie eh schon kennen.

Was ein gewitzter Zechpreller-Schmäh ist - und wie man daraus Kapital schlagen kann, das weiß die Sage vom "Mirakelkeller".

An dieser Adresse, im Haarhof, hatte es einst eine Gastwirtschaft gegeben, in die eines Morgens ein junger Mann kam. Auf Krücken. Er bestellte einen Becher Wein, stürzte ihn runter. Gleich wurde der nächste geordert.

Vom Pferd sei er gestürzt, jammerte der Gast; ohne Krücken könne er keinen einzigen Schritt machen. Der Wirt hatte Mitleid, brachte ein Essen und dachte: Wenn der nicht zahlen kann, dann ist es wenigstens eine gute Tat.

Nach dem der Bejammernswerte gegessen und getrunken hatte, sprang der Kerl auf, rannte davon und ließ die Krücken zurück.

Der Wirt ärgerte sich erst. Doch dann nahm er die Krücken, stellte sie auf und erzählte fortan: Da sei einmal ein Lahmer gekommen, der habe von seinem Wein getrunken - und danach wieder gehen können. "Ein Wunder." Seither war seine Wirtsstube immer voll.

Von solch wundersamen Begebenheiten weiß man im Keller des Bierhofes nichts. Obwohl sie hier einen Blaufränkischen ausschenken, dem man eine derartige Wirkung zutrauen würde. Daniela weiß auch nicht, warum eine Säule von Steinbock-Köpfen geziert wird.

Das "Gschichtldruckn" ist nicht das ihre. Macht auch nichts. Hauptsache der Wein ist vom Weninger. (Roman Freihsl; DER STANDARD, Printausgabe, 23.08.2002)

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