Tokio geht ins Ohr

10. Mai 2005, 22:15
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Die japanische Hauptstadt und ihre erstaunlichen Alltagsgeräusche

Sonntagmorgens um acht ist die Welt in Gotokuji noch in Ordnung. Wie in vielen Vierteln der Millionen-Metropole Tokio herrscht in den schmalen Seitenstraßen mit seinen abseits der Hauptverkehrsadern dicht gereihten Einfamilienhäusern fast noch dörfliche Stille. Bis plötzlich ein blecherner Singsang erklingt. "Saoyaaa, saodake, monohoshiii saodakeee" schnarrt es aus dem Lautsprecher des Wäschestangenverkäufers. In Zeitlupentempo schleicht er im Lastwagen näher, das Endlos-Tonband scheinbar bis zum Anschlag aufgedreht. "Stangeeen, Stangen. Stangen zum Wäscheaufhängeeen".

Japans Großstädte und ihre Geräuschkulissen. Das Leben der im Westen allgemein als ruhig und zurückhaltend geltenden Japaner vollzieht sich hier unter einer - zumindest für einige europäische Ohren - manchmal erstaunlichen Beschallung durch die unterschiedlichsten Alltagsgeräusche. Bald, nachdem der Wäschestangenverkäufer weitergezogen ist, macht sich nebenan der Nachbar an die Morgenwäsche. Erst ein Rülpsen, dann gurgelt er. Durch die oft dünnen Haus- und Wohnungswände bekommt jeder fast alles mit.

"Bitte aufpassen, der Bus biegt jetzt nach links", ermahnt der Fahrer per Lautsprecher. "Bitte aufpassen, stehen Sie erst auf, wenn der Bus hält". Derlei akustische Verhaltensanweisungen begleiten die Menschen beinahe auf Schritt und Tritt. Für viele mögen sie nützlich sein. Sobald Fahrer japanischer Lastwagen ihren Rückwärtsgang einlegen, erklingt elektronisch eine weibliche Stimme und wiederholt unablässig: "bakku shimasu, bakku shimasu" - "Ich fahre rückwärts".

"Bitte achten Sie darauf, keine Gegenstände an ihrem Platz zu vergessen. Drängeln Sie beim Aussteigen nicht und achten Sie darauf, wo Sie hintreten", dröhnt es aus dem Bahnhofslautsprecher. Bisweilen ohrenbetäubend geht es in Tokios Einkaufs- und Szenevierteln wie Shibuya zu. Verkäufer mit Megafonen brüllen sich die Lungen aus dem Hals, aus den Pachinko-Spielhallen dröhnt brutal das Rattern metallischer Kugeln der Spielautomaten, dazu plärren aus allen Richtungen die Mickey-Maus-Stimmen japanischer Pop-Sängerinnen.

Sie aber können es nicht mit den Megafonen der Rechtsradikalen aufnehmen, die an manchen Tagen mit ihren schwarz und dunkelblau bemalten und mit Nationalflaggen bespannten Propaganda-Bussen durchs Tokioter Regierungsviertel Nagatacho fahren und die Straßen gnadenlos laut mit nationalistischen Parolen und Liedern beschallen. Andererseits gibt es auch Geräusche, die geradezu dörflich- beschaulich wirken und an alte Zeiten erinnern. Zum Beispiel das Klappern der traditionellen Geta-Holzsandalen, das Zirpen der Zikaden, das "Ding, Ding, Ding" der Bahnschranken oder die Rufe der Süßkartoffelverkäufer, wie sie auf kleinen Lastwagen Öfen mit Holz feuern. Oder die Gummi-Hupe des Tofu-Verkäufers, wenn er abends mit seinem Rad gemütlich durch Gotokuji fährt und seine Ware feilbietet.

Die Mehrheit der Japaner scheint die Alltagsgeräusche denn auch weder zu stören, noch als laut zu empfinden. "Manche Westler scheinen geräuschempfindlicher zu sein als Japaner", meint eine junge Frau. Doch gibt es auch andere Stimmen: "Heutzutage geht es in Japan zu wie im (Rotlichtviertel) Kabukicho", klagt Yoshimichi Nakajima, Professor für Deutsche Philosophie und spricht von "Gewalt der Geräusche". Er ist Autor des Buches "Urusai Nihon no Watashi" (Ich im lauten Japan).(APA)

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    Sonnenuntergang in Tokio

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