Stollengräber und Sinnschürfer

22. September 2002, 22:11
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"Fritzpunkt": Das Stadt Theater Wien widmet sich dme Werk der Schriftstellerin Marianne Fritz

Das nach allen Seiten ausufernde Romanwerk der Wiener Autorin Marianne Fritz bannt nicht nur verlorene Zeit; Fritz' vieltausendseitige Umschrift der österreichischen Geschichte durchzieht das mentale Gelände mit Abflusslöchern und Sinn-stollen, und obenauf blühen merkwürdig mutierte Sprachwunderblumen.

Es ist das planvolle Chaos der Entropie, das zugleich den Ordnungszerfall der k.u.k. Monarchie meint. Fritz' orthografisch eigenwilliges Werk kennt in der Gegenwartsliteratur keinen Vergleich, und wer ihren Satzreihen als Leser nicht schon einmal fasziniert begegnet ist, sei darauf verwiesen, dass er von der Autorin auch in Weltkriegs-Festungsbau (Przemysl) instruiert wird.

Im Entlegenen kommt das Stadt Theater Wien von Anne Mertin und Fred Büchel erst ganz zu sich: In einem Ladenlokal in Uni-Nähe hält man Fritz-Vorlesungen. Wieder einmal kommt im Schaffen dieser Theaterguerilla-Gruppe das Anknüpfen an den weithin verdrängten, "mittleren" Brecht zum Ausdruck: Planvoll verschwimmen die Grenzen zwischen Territorium und Standpunkt, Materie und Geist. (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2002)

Service
"Fritzpunkt"
9., Frankgasse 6
Gassenlokal
0699/11 68 56 16
Di bis Do
10-17 Uhr

Link

fritzpunkt.at

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