Zwei Unterdrückern ausgeliefert

20. Oktober 2003, 12:35
posten

Die Deutschen, die 1941 Lettland besetzten, waren keineswegs die erhofften Befreier.

Im Sommer 1941 überrannte Hitlers Wehrmacht das gesamte Baltikum. Die Vorstellung seines zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete ernannten, aus Estland stammenden Palatins Alfred Rosenberg über eine die nicht russischen Völker fördernde Politik wischte Hitler vom Tisch. Die deutschen Pläne für die Zeit nach dem "Endsieg" sahen eine Germanisierung des Baltikums durch Deutsche und Niederländer vor; nicht assimilierbare Bevölkerungsgruppen sollten nach Weißrussland abgeschoben werden. Deshalb war die Hoffnung der Balten, die Befreiung von der Sowjetherrschaft durch die Deutschen würde ihnen eine gewisse Selbstständigkeit bringen, von kurzer Dauer.

Es wurde ein "Reichskommissariat Ostland", bestehend aus Estland, Lettland, Litauen und dem westlichen Weißrussland, errichtet. Den einzelnen Landesteilen stand ein Generalkommissar vor. Reichskommissar Hinrich Lohse, Gauleiter von Schleswig-Holstein, nahm seinen Sitz in Riga, wo auch der ihm untergebene Generalkommissar für Lettland, Drexler, residierte. Riga bekam einen deutschen Oberbürgermeister, etliche Baltendeutsche wurden für Verwaltungsstellen zurückbeordert. Die "Landeseigenen Selbstverwaltungen" und die ausgesiebte örtliche Polizei waren lediglich Hilfsorgane der Besatzungsmacht. Alles vordem sowjetische Eigentum wurde beschlagnahmt; das bedeutete, dass alle größeren Betriebe von deutschen Großunternehmen übernommen wurden und viele Bauern wieder zu Pächtern herabsanken.

Auch in Lettland setzte sofort, von einem Teil der Bevölkerung begrüßt, die Verfolgung der Juden ein. Sie begann in Lettland im November 1941 mit einem Massaker an rund 27.000 Juden. Fast alle, die überlebt hatten, weitere 40.000, fanden dann den Tod in den Vernichtungslagern. Nach der Wende von Stalingrad und den einsetzenden "Frontbegradigungen", unter welchem Schlagwort der Rückzug firmierte, wurde das Besatzungsregime in Lettland etwas gelockert. Der britische Premier Churchill hatte noch bis Anfang 1942 die Anerkennung der sowjetischen Annexion als "im Widerspruch zu allen Prinzipien, für die wir in diesem Krieg kämpfen" bezeichnet, aber als im Mai 1942 ein englisch-sowjetischer Bündnisvertrag abgeschlossen wurde, strich man in London die Vertreter der baltischen Republiken aus der Diplomatenliste. Trotzdem bekannte sich 1943 ein Zentralkomitee der nationalen Widerstandsbewegungen - sowohl gegen die Deutschen als auch gegen die Sowjets gerichtet - zur Wiederherstellung der lettischen Republik.

Die Aussicht, Hitlers Gewaltherrschaft wieder gegen Stalins Knute tauschen zu müssen, ließ viele Letten verzweifeln. Himmler begann, lettische Freiwillige für die SS zu werben, und er hatte damit einigen Erfolg: 1943 wurden zwei lettische SS-Divisionen aufgestellt. 1944, als sich die Rote Armee dem Baltikum näherte, wurden auch Grenzschutzregimenter einberufen. Auf deutscher Seite kämpften rund 100.000 Letten (40.000 von ihnen fielen), auf sowjetischer, wo ebenfalls nationale Einheiten gebildet wurden, rund 50.000. Im Sommer und Herbst 1944 eroberte die Armee den Großteil Lettlands, am 15. Oktober auch Riga. Eine im nördlichen Kurland eingeschlossene deutsche Heeresgruppe kapitulierte erst bei Kriegsende. Das umkämpfte Lettland war in weiten Teilen verwüstet.

(DER STANDARD, Print, 17./18.08.2002)

Share if you care.