"Es sind eben gesunde Menschen!"

23. Juli 2004, 14:29
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Auf der Suche nach den Bildern der Unschuld: Leni Riefenstahl, die Filmemacherin des Führers, hat das 20. Jahrhundert zweimal epochal verfehlt.

Bert Rebhandl
zum 100. Geburtstag der umstrittenen Ikone.

Foto: REUTERS/Alexandra Winkler Leni Riefenstahl bei der Frankfurter Buchmesse 2000

Die Wahrheit über Leni Riefenstahl steht in einem Buch, das sie selbst geschrieben hat. Es sind ihre Memoiren, die 1987 veröffentlicht wurden und inzwischen ein Longseller sind. Bei weitem nicht alles, was auf diesen 900 Seiten erzählt wird, entspricht den Tatsachen. Vieles wird verschwiegen, Entscheidendes schöngeredet, Unwichtiges breitgewalzt - und doch ist dieses außergewöhnliche Leben, an dessen Nacherzählung sich zum 100. Geburtstag von Leni Riefenstahl am 2. August neue Biografen abgearbeitet haben, nirgends besser dokumentiert als in diesem von allen historischen Umständen gänzlich unangefochtenen Geplapper.

Leni Riefenstahl, die Filmemacherin des Führers, die nach dem Krieg nicht nur scharfer Kritik, sondern auch wilden Verleumdungen ausgesetzt war, ist ihr eigenes Immunsystem geworden. Berechtigte Fragen erreichen sie nicht mehr, empfänglich ist sie nur noch für Schmeicheleien. Sie fühlt sich erhaben über das 20. Jahrhundert, weil sie es überlebt hat. Dabei hat sie es gleich zweimal epochal verfehlt, nicht nur damals, als sie die Mobilisierungsfilme der Nationalsozialisten drehte, sondern dreißig Jahre später noch einmal, als sie in Afrika "biblische Bilder, wie aus der Urzeit der Menschheit", von Nuba fotografierte, während der ganze Kontinent durch den Aufbruch der Entkolonialisierung ging.

Verantwortlich für diese Blindheit war ein fataler Hang zum Gesamtkunstwerk, den ausgerechnet Adolf Hitler früh ironisiert hatte. Der Führer der NSDAP, der 1932 von der Machtergreifung noch denkbar weit entfernt war, hatte sich selbst im Hause Riefenstahl eingeladen. In seiner Begleitung waren Goebbels, der Fotograf Heinrich Hoffmann und ein Herr Hanfstaengl. Die "kleine Episode", die Hitler "nie vergessen" hat, liest sich in den Memoiren der Leni Riefenstahl so: "Unterdessen hatte sich Hanfstaengl an meinen Flügel gesetzt und improvisierte einige Melodien. Da bemerkte ich, daß Hitler an meinem Schreibtisch in einem Buch blätterte. Als ich näher kam, sah ich, daß es Mein Kampf war. Ich hatte einige kritische Bemerkungen an den Rand geschrieben, beispielsweise ,stimmt nicht' - ,Irrtum' - ,falsch' oder auch ,gut'. Mir war das einigermaßen unangenehm, aber Hitler schien sich zu amüsieren. Er nahm das Buch, setzte sich und blätterte weiter darin herum. ,Das ist ja interessant', sagte er. ,Sie sind eine scharfe Kritikerin, aber wir haben ja eine Künstlerin vor uns.'"

In der erhabenen Sphäre der Kunst schweigt das kritische Bewusstsein: Mit diesem mephistophelischen Tonfall könnte die Geschichte eines neuen Faust beginnen. Doch Leni Riefenstahl ist zu kleinbürgerlich für eine deutsche Sage. Ihr Genre ist eher Karl May als Richard Wagner. Mit dem sächsischen Fantasten teilt sie den naiven Exotismus, mit dem sie das Fremde wahrnahm: "Nicht weit von mir entfernt standen ein paar niedliche schwarze Nackedeis, die mich freundlich betrachteten." Aus demselben Geist waren die Abenteuerfilme der späten Zwanzigerjahre, mit denen Leni Riefenstahl ein Star - und Adolf Hitler auf sie aufmerksam - wurde. Der heilige Berg (1926) von Arnold Fanck ist kein präfaschistischer Film, aber es werden darin bereits jene Ausnahmezustände geprobt, in denen die Zivilisation suspendiert ist und ein großes Ringen mit den Naturgewalten anhebt. Von "Sonnentrottelei" und "kosmischem Geschwöge" schrieb Kracauer.

Leni Riefenstahl, die Tochter eines erfolgreichen Berliner Installateurs, hatte eine kurze Karriere als Tänzerin hinter sich, bevor sie zum Film kam. Ein finanzkräftiger Verehrer wurde ihretwegen zum Produzenten und ebnete ihr den Weg. Sie kletterte mit Luis Trenker um die Wette, überlebte später noch Die weiße Hölle am Piz Palü und Stürme über dem Montblanc und flog für S.O.S. Eisberg mit Ernst Udet durch die Stille über Grönland. Dann, an der Schwelle zu den Dreißigerjahren, drehte sie nicht Der blaue Engel, sondern Das blaue Licht.

In dem Unterschied zwischen Marlene Dietrichs Nachtklubtänzerin Lola Lola und Riefenstahls Zigeunermädchen Junta sind alle Optionen am Ende der Weimarer Republik enthalten. Josef von Sternberg entschied sich für die Dietrich und für eine Analyse der Unterwerfungslust der deutschen Philister. Leni Riefenstahl entschied sich für die Legende von einem Bergkristall, in dessen Lichtspiel sich die Vernunftansprüche der modernen Welt so lange brechen, bis selbst Mein Kampf zu einem Buch wird, dem man mit Randbemerkungen gerecht werden kann. Im Rückblick der Memoiren konnte sie es sich aber nicht verkneifen, den anderen Film auch noch zumindest ein wenig für sich zu reklamieren, indem sie behauptete, sie hätte die Dietrich für die Hauptrolle empfohlen: "Ich glaube, diese Frau wäre ein guter Typ für sie", will sie zu Sternberg gesagt haben.

Zu Hitler aber sagte sie wenig später "verzweifelt": "Das kann ich nicht, das kann ich nie." Da waren die Nationalsozialisten an der Macht und Sternberg im Exil. Hitler wollte von Leni Riefenstahl einen Dokumentarfilm über den Reichsparteitag 1933 in Nürnberg. Das fertige Werk ist ungefähr eine Stunde lang und trägt den Titel Sieg des Glaubens. Es ist eine bessere Wochenschau, aber es reichte, um Riefenstahl zu einer einmalig privilegierten Stellung innerhalb der nationalsozialistischen Elite zu verhelfen. Ihre besondere Beziehung zu Hitler war dabei entscheidend. Der Neurotiker fand sein Medium, in ihren Größenfantasien kamen sie überein. Triumph des Willens, der Film über den Reichsparteitag 1934, ist das zentrale Dokument dieser Beziehung. Leni Riefenstahl will ihn widerstrebend gedreht haben. Ihre Ausflüchte schildert sie mit der ihr eigenen physischen Intensität: "Eine Stunde danach saß ich im Wagen und jagte nach Nürnberg. Ich hatte nur einen Gedanken, mich von dieser Arbeit zu befreien."

Auch aus der Distanz von fast siebzig Jahren ist Triumph des Willens eine schmerzvolle Erfahrung: Nicht nur weil Riefenstahl schließlich in ihrer Gestaltung die Militarisierung der gesamten deutschen Gesellschaft im Zeichen der nationalsozialistischen Kaderpolitik umstandslos nachvollzog, sondern auch deswegen, weil in vielen Großaufnahmen der begeisterten Menschen, von denen viele noch sehr jung waren, eine Hoffnung zu sehen ist, um deren Betrug man damals schon wissen konnte, die aber nichtsdestoweniger "unschuldig" wirkt. Nicht nur die erhabenen Führerbilder und die endlose "Heerschau" aller Deutschen von Kaiserstuhl bis nach Pommern machen Triumph des Willens zur großen Liturgie, es sind diese namenlosen Menschen, die durch Riefenstahls Film für alle Zeiten dem Nationalsozialismus ein Gesicht geben. Sie alle wollten Adolf Hitler sehen, der sich in Nürnberg zwar durch die Menge chauffieren ließ, aber die meiste Zeit auf auratische Distanz blieb. So richtig nahe kam der "Führer" den Deutschen erst im Kino, durch das Kameraprivileg der Riefenstahl.

In dem kleinen Nachtragsfilm Tag der Freiheit - Unsere Wehrmacht (1935) ist ein gelöster Hitler zu sehen, der den Soldaten die Parade abnahm, bis sich das kleine Schaumanöver in Staubwolken und Schrapnellgetöse beinahe chaotisch auflöst. Wenn es einen Moment im filmischen Werk von Leni Riefenstahl gibt, den sie später als widerständig reklamieren hätte können, dann wären es diese wenigen Minuten aus Tag der Freiheit gewesen.

Aber diesen Film hat sie nach dem Krieg überhaupt verschwiegen. Erst Jahrzehnte später tauchte davon doch noch eine Kopie auf. Es war ein nicht unwesentlicher Nebeneffekt der Appeasement-Politik der Dreißigerjahre, dass Riefenstahls Propagandafilme damals noch als Kunstwerke wahrgenommen wurden, die ihr schließlich zu einem weiteren wichtigen Auftrag verhalfen.

Sie dokumentierte 1936 die Olympischen Sommerspiele in Berlin in zwei Teilen: Das Fest der Völker und Das Fest der Schönheit. Es waren die Spiele des Adolf Hitler, aber auch die Spiele des Jesse Owens. Riefenstahl zeigte beide Facetten, ihre Position war die eines neutralen Beobachters, dem ausschließlich an möglichst avancierten Aufnahmen von den sportlichen Wettbewerben gelegen war.

Der Olympia-Film nahm tatsächlich vieles vorweg, was in den modernen Masseninszenierungen des Sports und in den Live-Übertragungen selbstverständlich geworden ist: Die Bilder gehorchten der Dynamik der Wettkämpfe. Das Kino nahm es mit dem Sport auf und blieb ebenbürtig. In dem berühmtem Prolog aber, der eine Traditionsstafette von der klassischen griechischen Antike in die Gegenwart von Hitlerdeutschland entwarf, wird auch die olympische Zeitrechnung mit der Perspektive des Tausendjährigen Reichs vermittelt.

Olympia ist kein Propagandafilm, aber Hitlerdeutschland konnte sich dadurch doch als zivilisierte Nation legitimiert fühlen, die es schon nicht mehr war. Der tiefe Fall - aber auch ihre Verdunkelungsstrategie in eigener Sache - von Leni Riefenstahl begann schon 1939 an der Ostfront. Aus dem Polenfeldzug existiert eine Fotografie, auf der sie entsetzt hinter einem Soldaten der Wehrmacht steht. Sie war Augenzeugin eines Massakers geworden und verließ danach angeblich sofort die Front.

In einer neuen Biografie hat Jürgen Trimborn nun erstmals Licht in dieses schlecht dokumentierte Kapitel gebracht. Er legt plausibel dar, dass Riefenstahls Anwesenheit an der Front wesentlich länger dauerte und vermutlich im Zusammenhang mit einem weiteren Hitler-Film stand: Der Führer im Krieg. Dieses Projekt wurde nie verwirklicht, die Produktionsfirma von Leni Riefenstahl florierte aber mit der Herstellung von Kulturfilmen bis 1945 ungebrochen.

Sie selbst wandte sich 1940 einem Stoff zu, aus dem ihr für viele Jahrzehnte letzter - und schlechtester - Film wurde: Tiefland beruht auf einer Lieblingsoper Hitlers von Eugene d'Albert. Es ist eine zutiefst triviale Fantasie vom Gegensatz zwischen Natur und Kultur, Herr und Knecht. Die Zigeuner für die Dreharbeiten kamen aus dem Salzburger Lager Maxglan.

Als Tiefland 1954 fertig gestellt wurde und bei den Filmfestspielen in Venedig zur Uraufführung kam, wurde der radikale Antimodernismus des Riefenstahl-Weltbilds als bloßer Anachronismus abgetan. Dabei zeigt dieser Film doch besonders deutlich, wie sehr sie, ohne den Rassismus und Antisemitismus der Nazis zu teilen, tief in der Blut-und-Boden-Mythologie verwurzelt ist.

Unschuldiger und der Geschichte ferner als der Hirte Pedro konnten später nur noch "meine Nuba" sein. In Afrika fand Leni Riefenstahl ihre neue Welt, in der sie ganz von vorne beginnen konnte: "Seit Kriegsende hatte mich jeder Strahl von Glück verlassen, das Leben war für mich ein unerträglicher Existenzkampf geworden." Ihre Weltsicht veränderte sich dadurch wenig. Susan Sontag ist die prominenteste Kritikerin von Leni Riefenstahl, die eine Verbindung von der Feier des deutschen Volkskörpers in den Dreißigerjahren zu dem Kult der Nuba in den Sechzigerjahren zog. Riefenstahl hatte das Zeltlager und die Balgereien der Hitlerjungen in einer neuen Umgebung wiedergefunden.

Ihr Werk hat eine Tendenz, die von der Kultur zur Natur zurückführt (bis zu den Korallen ihres nun doch noch veröffentlichten Unterwasserfilms), dort aber jene Ordnung sucht, die in erster Linie der ausdifferenzierten Massengesellschaft als natürlich erscheint: Freikörperkultur, Subsistenzwirtschaft und Fatalismus erweisen nicht die Überlegenheit einer "biblischen" Lebensform, sondern Riefenstahls Anfälligkeit für Kitsch. Noch in den Neunzigerjahren brachte sie ihre Sicht der Dinge mit entwaffnender Offenheit auf den Punkt: "Das sind eben gesunde Menschen. Die alten Menschen, die sitzen in den dunklen Häusern." Eine Anekdote aus den Memoiren steht beispielhaft für die methodische Naivität der selbsternannten Völkerkundlerin: Sie lässt sich von einem hohen Beamten des Sudan zu einer Expedition in den Süden einladen. "Am nächsten Tag kamen die vom Gouverneur angekündigten Lastwagen. Mich wunderte, dass die blitzneuen Fahrzeuge außer dem Fahrer keine weiteren Personen mitführten. Erst später, als ich von der Revolution hörte, die schon wenige Monate nach meinem Besuch im südlichen Sudan ausbrach, dämmerte mir, dass die Wagen, die nach Juba fuhren, Militärfahrzeuge gewesen sein müssen. Wahrscheinlich war die Reise des Gouverneurs zur äthiopischen Grenze eine militärische Erkundungsfahrt gewesen, an der ich ahnungslos teilnehmen durfte."

Das ist das Leitmotiv für die Geschichte der Leni Riefenstahl: Ahnungslos, aber mit Militäreskorte war sie immer auf der Suche nach Bildern der Unschuld. Zuletzt hat sie sich selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem sie ihre Memoiren schrieb: "Es wurde kein fröhliches Buch." Es war aber auch kein fröhliches Jahrhundert. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.8.2002)

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