"Ali": Der lange Lauf des Einzelkämpfers

27. Juli 2004, 16:04
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Mit "Ali" setzen Regisseur Michael Mann und Hauptdarsteller Will Smith einer lebenden Legende ein filmisches Denkmal

Filmisches Denkmal für eine lebende Legende: Regisseur Michael Mann und Hauptdarsteller Will Smith lassen in "Ali" entscheidende Jahre einer Boxerkarriere Revue passieren.


Wien - Der Läufer ist angekommen: Begleitet von einer anwachsenden, begeisterten Menge, bahnt er sich seinen Weg durch kleine Nebenstraßen - als Vorbereitung auf den "Rumble in The Jungle" in Zaire, anno 1974. Die Sequenz taucht gegen Ende des Films auf. Und plötzlich scheint es, als ob das zuvor immer wieder auftauchende Bild vom einsamen Kämpfer, der mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze nachts durch die Straßen rennt, auf diesen ambivalenten Moment zugelaufen ist.

"Das gesamte Werk von Michael Mann", schreibt der Filmkritiker Jean-Baptiste Thoret, "ist auf die Erfahrung von Menschen aufgebaut, die, wenn sie älter werden und von der Zeit gezeichnet sind (von der Geschichte des Kinos wie von jener der USA), direkt oder im Nachhall eines Schlages einen Schock erleiden, der einen Riss erzeugt, mit dem ihre Melancholie beginnt."

Auch Ali, Manns jüngster Film - drei Jahre nach The Insider, sieben nach Heat - lässt sich auf diese Weise lesen: Was den Helden, Boxlegende Muhammad Ali, umtreibt, erscheint auch hier als eine Art von Unterströmung, die sich in Außenansichten, in Aufnahmen eines loners manifestiert und deren mögliche Ursachen die Erzählung fragmentarisch umreißt. Jedoch ohne sie in Form einer einfachen Wirkungslogik oder eines psychologisierenden Gestus festzuschreiben.

Der Film beginnt 1964 vor dem entscheidenden Titelkampf gegen Sonny Liston und endet 1974 mit dem Sieg über George Foreman. Dazwischen liegen jene Jahre, in denen der People's Champion seinen Sklavennamen Cassius Clay ablegt und sich in Muhammad Ali umbenennt, in denen er wegen seiner Weigerung, der Einberufung in die US-Army zum Einsatz in Vietnam Folge zu leisten, seine Lizenz verliert und in lange, zermürbende Prozesse verwickelt wird.

Ein politischer Schachzug, der wiederum mit Alis Freundschaft mit Malcolm X, seiner Verbindung zur Nation of Islam zusammenhängt, deren Ambivalenz ebenfalls eine Rolle spielt. Die Chronologie der Kämpfe und ihr Umfeld geben allerdings nur den Rahmen vor für eine äußerst skizzenhaft gehaltene Erzählung (die auf ein eingeweihtes Publikum setzt). Das Verstreichen der Zeit wird implizit vermittelt, der Film ist in großen Bögen angelegt, die jeweils um bestimmte Lebensstationen kreisen.

Übergänge werden verwischt, so wie in der langen Eingangssequenz, die einen mitreißenden Clubauftritt von Sam Cooke gegen eine Kette von Abläufen (Training, Pressekonferenz, Kampf) montiert - eine klar definierte Zeitspanne also zu Ausschnitten aus einem längeren Zeitraum parallel setzt.

Dabei kommt - gewissermaßen als verbindender, größerer Zusammenhalt - ein anderes markantes Element von Michael Manns Kino zum Tragen. Eines physischen Kinos, das Menschen wie Materialien nahe rückt, über Oberflächen gleitet und ihre unterschiedliche Textur spürbar vermittelt. Daraus entwickelt sich mitunter eine Detailverliebtheit, die scheinbar ins Leere führt: Kurz streift die Kamera am dünnen Hemd eines Beamten vorbei, durch den Stoff schimmert eine Waffe - das deutet die Observierung von Malcolm X an, in deren Netz sich auch der Champ verfängt.

Mann favorisiert ein Kino, das den Zuschauer mitten hineinwirft in ein Geschehen und hier etwa - zumal in den Szenen in der Boxarena - mit seinen Zooms und Schärfeverlagerungen an die Bildästhetik von US-Dokumentarfilmen der 60er-Jahre erinnert. Zu den verwischten, mitunter verlangsamten Bildkaskaden von Fäusten, die durch die Luft wirbeln, oder von leicht dahintänzelnden Stiefeln, kommt ein ebenso multiperspektivischer, markanter Ton, der Schläge, Schnaufen mit Wort- und Satzfetzen, die von den Seiten des Rings und aus dem Publikum kommen, konterkariert.

Inmitten dieser fließenden Bilderfolge, die über zweieinhalb Stunden dauert und mit der Zeit dann auch ermüdend wirkt, agiert ein All-Star-Cast: Mario Van Peebles als Malcolm X, der erweiterte Clan des Boxers: Jamie Foxx als Drew "Bundini" Brown, Jeffrey Wright als Howard Bingham und Ron Silver als sein Trainer Angelo Dundee, Jada Pinkett Smith und Nona Gaye als Ehefrauen und Jon Voight als Sportreporter Howard Cosell.

Vor allem aber: Will Smith. Der Hauptdarsteller, der für seine Rolle nicht nur ein körperliches Aufbautraining absolvierte, sondern auch sonst nach Kräften gegen sein bisheriges Image als Komödiant oder Actionheld agiert. Trotzdem bleibt der Hauptdarsteller eine Schwachstelle des Films. Der Star überschattet hier die Illusion und sein historisches Vorbild. Will Smith ist Will Smith ist nicht Ali.

Der Film muss sich überdies an all den anderen Bildern Alis messen - wie etwa an When We Were Kings, der 1996 in die Kinos kam und den "Rumble in The Jungle" dokumentierte. An diesem Hintergrund arbeitet er sich ab, daran bemisst sich letztlich sein ehrenvolles Scheitern. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2002)

Von
Isabella Reicher

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aliderfilm.de

sony.com/ali

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