Die Suche nach den "Kanalmenschen"

7. August 2002, 18:40
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Noch in den 40er- Jahren geisterte sie durch Wien, die Legende von den Wiener "Kanalmenschen". Die Spurensuche führt zu Originaldrehorten für den Film "Der Dritte Mann" - Teil VIII

Bis zu 100 Menschen würden in der weit verzweigten Kanalisation von Wien leben, wurde noch in den 40er-Jahren gemunkelt. Kriminelle, Flüchtlinge, Geächtete seien diese "Kanalmenschen", hieß es. Ja, sogar fortpflanzen würden die sich im Untergrund - manche lebten schon in der dritten Generation im Kanalnetz.

Nahrung sollen sich diese Kanalmenschen angeblich vom Naschmarkt "abgezweigt" haben - und dann über Stiegen wieder zum überdachten Wienfluss und in die Kanäle geflüchtet sein.

Es sind nicht nur die klassischen Wiener Sagen - sondern auch modernere Legenden wie diese hier, die Wolfgang Morscher im Rahmen seines wissenschaftlichen Projektes "sagen.at" gesammelt und ins Internet gestellt hat. Und, so Morscher: Angeblich waren diese Legenden der "Kanalmenschen" zum Teil Inspirationsquelle für den Film "Der Dritte Mann". Und dem kann man ohne weiteres nachgehen. Und zwar sprichwörtlich.

"Ich bin die dritte Frau", begrüßt Barbara Timmermann ihre Touristengruppe, die sich auf die Spuren des Dritten Mannes begibt. Und schon steigen wir mit ihr durch eine Litfaßsäule vor dem Konzerthaus hinunter in die Finsternis des überdachten Wienflusses.

Das einzige Lebewesen hier unten ist aber bereits ein "Verwesungswesen": eine tote Ratte. "Unmöglich, dass im Kanal jemand längere Zeit lebt", ist Timmermann überzeugt. "Beim ersten Hochwasser ist es aus." Oder etwa bei der Halbzeit des nächsten Fußball-WM-Finales, wenn Hunderttausende gleichzeitig aufs Klo gehen.

Dann stehen wir vor einer Inschrift im Untergrund. "O5" wurde hier mit Kreide gekritzelt, das Zeichen der Widerstandsbewegung im Dritten Reich. "Es könnte aber auch eine Wasserstandsmarkierung sein", gibt Timmermann zu bedenken. Und genau dort gehen wir die Treppe hinauf und landen - mitten im Naschmarkt.

Vielleicht ist ja doch was dran, an der Legende von den "Kanalmenschen". (Roman Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 06.08.2002)

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