"Der Anschlag": Chatten für den Weltfrieden

27. Juli 2004, 15:54
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Ben Affleck tritt in der aktuellen Tom-Clancy-Verfilmung "Der Anschlag" Alec Baldwins und Harrison Fords Nachfolge an

Der CIA-Agent Jack Ryan rettet wieder die Welt: In der aktuellen Tom-Clancy-Verfilmung "Der Anschlag" tritt in dieser Schlüsselrolle nunmehr Hollywood-Jungstar Ben Affleck die Nachfolge von Alec Baldwin und Harrison Ford an.


Wien - Die schlechte Nachricht kommt zu spät. Eilig wird der US-Präsident von Bodyguards aus dem ausverkauften Football-Stadion geschleppt. Ein paar Zuseher verfolgen noch verwundert dieses Zwischenspiel mit. Die nächste Einstellung offenbart den Hintergrund: Eine Druckwelle bringt einen Helikopter ins Trudeln, und am Horizont zeichnet sich ein Atompilz ab.

Solche Bilder - und die darauf folgenden vom Ground Zero, einem Krisenstab, der in der Air Force One permanent in der Luft kreist, den Sanitätern, den Feuerwehrleuten etc. - sind zwar nicht neu in Hollywood. Aber ungewohnt ist, wie die Katastrophe eines verwundbaren Amerika hier ausgebreitet wird, mit welchen inszenatorischen Strategien ganz unverhohlen an ein kollektives Trauma Anschluss gesucht wird. Da spielt es kaum eine Rolle, dass Der Anschlag/The Sum of All Fears schon vor dem 11. September geplant wurde.

Dabei ist Der Anschlag in seiner dramatischen Ausmalung eines geopolitischen Konflikts weit weniger "zeitgemäß" - schließlich handelt es um eine Adaption eines Tom-Clancy-Romans, der bereits 1991 erschienen ist. Clancys simplifizierende Sicht auf die durch das Ende des Kalten Kriegs verursachten "gefährlichen" Ungleichgewichte in der neuen Weltordnung erfreut sich jedoch einer Renaissance.

Schurken in Österreich

Der Film setzt damit ein, dass Palästinenser am Golan eine Atombombe ausgraben. Ein windiger Geschäftsmann kauft sie ihnen ab, um sie weitaus teurer an international organisierte Faschisten abzugeben - die sich übrigens bevorzugt in Österreich treffen und an in Uhren eingravierten Hakenkreuzen zu erkennen sind. Deren Plan ist so einfach wie undurchdacht: Sie wollen den dritten Weltkrieg anzetteln, indem sie die Bombe in den USA zünden, den Verdacht dabei auf die Russen lenken, um so selbst (nur wie?) die Weltherrschaft zu übernehmen.

Einerseits bemüht Der Anschlag noch die Sorge um ein Machtvakuum nach dem Ende der Sowjetunion, andererseits ortet der Film den Feind bereits in terroristischen Organisationen. Zwei Drittel lang hält sich der von Phil Alden Robinson inszenierte Polit-Thriller derart mit elliptisch angelegten diplomatischen Konsultationen, Polit-Geplänkel zwischen CIA und Regierung und kleineren Spionageeinsätzen auf: eine einzige träge Elaboration, der Dramaturgie eines Katastrophenfilms ähnlich - bis das Unglück geschieht.

Inmitten dieses engmaschigen Netzes agiert Clancys bevorzugter Held Jack Ryan. Nach Alec Baldwin (The Hunt for Red October, 1990) und Harrison Ford (Patriot Games, 1992, Clear and Present Danger, 1994) verkörpert ihn nunmehr ein deutlich jüngerer Ben Affleck. Dafür steht ihm mit dem CIA-Direktor Cabot (Morgan Freeman) eine Vaterfigur zur Seite - die ihn auch bei Beziehungsproblemen coacht, denn anders als in den Verfilmungen mit Ford geht es nicht länger um den notorisch gestörten Familienmenschen.

Umso mehr fehlt dem neuen Ryan, der nach dem Spektakel der Explosion als Einziger die Nerven behält und übergangslos zum Helden wächst, aber auch die Motivation für sein Tun. Beim pathetischen Finale klinkt er sich in die eskalierenden Kriegsspiele der Nationen ein und chattet eifrig den Weltfrieden herbei. Keine Frage, ein selbstloser Präsident der Zukunft, dem Kopfrechnen keine Angst macht - die alten Männer auf der Air Force One trifft inzwischen der Herzschlag. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2002)

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