Restitutionen im Spiegel der Presse 1945 bis 1955

4. September 2002, 17:13
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Der mediale Kampf um Gerechtigkeit für österreichische Juden in In- und Ausländischer Presse

Der Pizzarundenbeschluss des Tandems Eizenstaat/Schüssel am 18. 1. 2001, Lippenbekenntnisse zur Revitalisierung des jüdischen Sportclubs Hakoah und die Zusage von 150 und 210 Millionen US-Dollar erwirkten endlich die finale Schlussstrichziehung unter das Kapitel Restitutionen. Lange davor, mit dem selben Thema am Tapet, tobte von 1945 bis 1955 ein erbitterter medialer Kampf um Gerechtigkeit für österreichische Juden in In- und Ausländischer Presse. Auszüge einer spannenden Kontroverse in der Seminararbeit bei Prof. Alice Teichova zusammengefasst von Nicolas Forster und rezensiert von Oliver Gingrich.

Vom Österreichischen Volkswirt zur Brasil Post

Exemplarische Auszüge aus diversen Organen der direkten Nachkriegszeit entblättern das Bild einer hoch emotionellen Debatte über "Have and Have Nots" am Rande des Existenzminimums. "Die Stimmen der Ariseure" verfielen hierbei in frenetische Unterstellungen von Paronomie, Emigrantenblätter auf der ganzen Welt pochten auf Rechtsprechung und selbst in den als liberal geltenden Salzburger Nachrichten eskalierten die Untertöne der Aufgebrachtheit. Anhand Vierer Inlands- und Dreier Exilzeitschriftenexzerpte ermahnt sich ein Bild von dramatischer Aufladung, welches die Hintergründe für die rezente notwendige Einigung beleuchten helfen kann

Restitution als Schlagzeile um den Globus

Beispielhaft für die an die 3000 deutschsprachigen Printmedien außerhalb des deutschen Sprachraumes, von denen viele nach Kriegsende neben Vermisstenlisten die Geschehnisse in der ehemaligen Heimat hinterfragten, standen neben Manfred Georges "Aufbau" in New York auch auf der Südhalbkugel Medien wie der "Semanário Israelita" für exakte Beobachtungsgabe: Die 1969 bis 1999 vom Österreicher Max Werner Finkelstein reanimierte, zweisprachige argentinische Zeitschrift verfolgte schon bei seiner Erstgründung 1940 wie sein nördlicher "Zwilling" "Brasil Post" das tardive Vorgehen der damaligen Bundesregierung mit Akribie und Skepsis:

..in Archiven von "Semanário Israelita"/Buenos Aires und "Brasil Post"/Sao Paulo Als das Gegenstück zur lokalverwandten, aus der NSDAP-Postille "Germania" hervorgegangenen "Deutschen Zeitung" widmete sich die "Brasil Post" intensiv den Wiedergutmachungsansprüchen jüdischer Exilanten, deren Behandlung durch die Österreichische Regierung wie durch mediale Kolportierung: Die Brasil Post wurde ebenfalls 1940 von Österreichern, Deutschen, Schweizern und Lichtensteinern in Sao Paulo gegründet. Bei der Aufarbeitung der Restitution zögerten Brasil Post-Redakteure nicht vor scharfen Konfrontationen und harschen Punchlines wie "Hat Herr Renner schon vergessen?".

Publizitärer Ordnungsruf von Sao Paulo nach Wien

Um offenem Antisemitismus in österreichischen Medien entgegenzuwirken, wurde die Verbreitung eines Artikels des Wochenblattes "Wiener Montag" durch den offiziellen Pressespiegel des Bundeskanzleramtes wie der Artikel selbst vor den medialen Kadi gerufen: "[..], ob es klug von den Juden ist, durch offene Drohungen sich ins Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung als diejenige Macht darzustellen, die die Befreiung Österreichs durch die Errichtung eines Staatsvertrages hintertreibt." – Wiener Montag, Nr. 47 / 1954 im O-ton - von der Brasil Post reklamiert und dem Kanzleramt vorgehalten.

Antisemitisches Nachzüngeln in der Österreichischen Presse Aufgebrachte Stimmungen, untergriffige Kommentare, subtil-antisemitische Mutmaßungen in Wirtschaftsblättern wie dem "Österreichischen Volkswirt" mit Ansätzen der Marke Weltverschwörungswitterung – prägten die Debatte gipfelnd in Unkenrufen gegen das 3. Rückstelungsgesetz von 1950. Nebst murrender Kritik über dessen Urheber, den Sozialistischen Justizminister Dr. Tschadek in den Salzburger Nachrichten, war es aber das Blatt "Unser Recht – Stimme der Ariseure", das am wütendsten hiergegen aneiferte. In Berufung auf die Sanctio Legis des AGBG und auf die Londoner Deklaration vom 5. Jänner 1943 -paradoxerweise trotz der darin enthaltenen Absichtserklärung "Plünderungen der Nutznießer des Nationalsozialismus" nach Kriegsende zu vergelten- wurde der Rückgabe jüdischer Besitztümer heftigst kontestiert. Im Zentrum der Argumentation war die Frage nach Opfer und Täter-Bewandtnis.

Medial-argumentative Allianzen von New York nach Thurgau

Das Impressum des "Aufbaus" liest sich wie das Who is Who exildeutschsprachiger New Yorker Haute Volée: Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Albert Einstein schrieben hier für eine neue Welt in Rekonziliation mit der Alten neben Berichterstattung und wohlwollend kritischer Observation der österreichischen Regierung: Die seit 16. Juni 1953 laufenden Einigungsversuche zwischen Raab, welcher den Restitutionsbedarf zwar 1954 immerhin mit 20 Millionen Dollar bezifferte, und Dr. Nahum Goldmann als Vertreter der jüdischen Organisationen, wurden jedoch durch politische/mediale Querschüsse von Österreich als zahlungsunverpflichtetes Opfer torpediert.. Der "Aufbau" zitierte, um die Verantwortlichkeit des Österreichischen Staates außer Zweifel zu stellen, den Schweizer Völkerrechtler "von Sali": "[..]weil Sie nicht in der Lage gewesen sind, allen ihren Staatsbürgern Schutz zu gewährleisten."

Über den Autor: Nicolas Franziskus Forster, geboren 1976, seit 1998 Student der Rechtswissenschaften in Wien und Linz, Gründer des Reisebuchverlages „Explorer“ studiert seit 2001 Geschichte in Kombination mit Neuerer Geschichte und Zeitgeschichte und wird voraussichtlich bereits nach 3 Semestern mit der Diplomarbeit „Die österreichische Auswanderung nach Brasilien unter besonderer Berücksichtigung der Situation der Kolonisten im 2. Weltkrieg, bzw. der Einflussnahme der Auslandsorganisation der NSDAP“ abschließen. Neben seinem Drittstudium Völkerkunde und Politikwissenschaften absolvierte er ein Praktikum beim ehemaligen Gouverneur des Bundesstaates Santa Catarina, Dr. Paulo Bauer, sowie einen Auslandstudienaufenthalt in Florianópolis/Hauptstadt Santa Catarinas an der Universidade Federal de Santa Catarina/UFSC bei Prof. Joao Klug.

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