Wanderdünen, Kiefernwälder und badende Elche

1. Juli 2005, 13:53
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Die Kurische Nehrung in Litauen beeindruckt mit einer eigentümlichen Mischung skandinavischer und mediterraner Zutaten

"Kurische Nehrung", das antworten angeblich die Litauer, wenn sie gefragt werden, was man in ihrer Heimat unbedingt sehen muss. Und das kommt nicht von ungefähr: Diese schmale Landzunge beeindruckt ihre Besucher mit einer eigentümlichen Mischung skandinavischer und mediterraner Zutaten.

Die Kurische Nehrung erstreckt sich knapp 100 Kilometer entlang der Ostseeküste, rund die Hälfte davon gehört zu Litauen, die andere zu Russland, wo auch die einzige Verbindung zum Festland besteht. Auf litauischem Gebiet halten in die Ostsee mündende Flüsse einen schmalen Ausgang zum Meer frei. Die komplett aus Sand bestehende Landzunge trennt das so genannte Kurische Haff vom Meer, an ihrer schmalsten Stelle, bei Lesnoj auf der russischen Seite (Exklave Kaliningrad), ist sie nur 400 Meter breit, an der breitesten, zwischen Nida und Preila in Litauen, misst sie vier Kilometer.

Geologisch gesehen besteht die Kurische Nehrung aus einer Kette inselartiger Endmoränen der letzten Eiszeit, die sich durch Sandablagerungen zu einer Landzunge vereinten. Ursprünglich war die Nehrung von einem dichten Mischwald aus Birken, Linden, Fichten und Eichen bewachsen, die den Sand festigten. Heute sind gute 70 Prozent der Nehrung bewaldet, die Abholzung früherer Jahrhunderte führte aber dazu, dass sich der Sand in bis zu 60 Meter hohen Wanderdünen ablagerte. Die sind zwar ein schönes, an die Sahara erinnerndes Phänomen, begruben aber zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert 14 Fischerdörfer unter ihren Massen.

Erst durch intensive Wiederaufforstung gelang es, einen Großteil der Dünen zu befestigen und damit vom Wandern abzuhalten, in dieser Zeit wurden auch die aus Dänemark stammende Krüppelkiefern angepflanzt. Riesige Sandberge gibt es heute noch zu sehen, südlich des Örtchens Nida. Diese "Litauische Sahara" ähnelt derart einer Wüste, dass sie sich Heinz Rühmann einst als Drehort für seinen Film "Quax in Afrika" aussuchte.

Heute dürfen die Dünen nur mehr an wenigen Stellen beklettert werden. Denn zu Beginn der 90er-Jahre wurde ein 1800 Quadratmeter großer Nationalpark geschaffen, in dem man sich tunlichst auf den vorgesehenen Pfaden halten sollte - er steht ja schließlich seit dem Jahre 2000 auf der Welterbe-Liste der Unesco. Im Nationalpark darf man sogar mit dem Auto fahren, allerdings mit nicht mehr als 60 km/h.

Diese Gegend ist ohnehin etwas für ruhigere Gemüter. Die streifen stundenlang in den Wäldern herum und begegnen mit Glück einem der 30 gezählten Elche. Oder einem der 240 Wildschweine oder etwa Eichhörnchen Nummer 122 (von insgesamt 234 Exemplaren).

Die Elche auf der Nehrung sind übrigens gute Schwimmer, sie sollen sogar fallweise das Haff durchschwimmen - und das hat an seiner breitesten Stelle immerhin 24 Kilometer -, um auf dem Festland auf Brautschau zu gehen. Nur die Grenze zu Russland können selbst sie nicht überwinden, die ist auf der Nehrung mit Stacheldraht gesichert. Den Touristen geht es nicht besser, die brauchen ein russisches Visum, sollten sie die ganze Länge der Halbinsel erkunden wollen. Und die Litauer betrachten die Nehrung ohnehin eher als Insel: Die Karte, die auf der Fähre hängt, hört bei der russischen Grenze auf.

Von Litauen aus kommt man nur mit dieser Fähre, die im Hafen von Klaipeda, dem einstigen Memel, abfährt, auf die Nehrung, in wenigen Minuten landet man auf der Nordspitze der Halbinsel. Der Hafen ist der einzige große und vor allem eisfreie des Landes, ein wichtiger Umschlagplatz und mit seinen riesigen Werften, Kränen und Docks ein extremer Kontrast zum Naturerlebnis, das einen auf der Nehrung empfängt.

Wen es dort ans Wasser zieht, der kann zwischen einer wilden und einer milden Variante wählen: An der einen Küste brandet die Ostsee. Dort kann der Strandspaziergänger mit dem scharfen Blick vielleicht ein Stück vom "Baltischen Gold", dem Bernstein, finden. Die dem Festland und dem Haff zugewandte Seite bietet sich hingegen äußerst lieblich dar, mit sanftem Badewannen-Geplätscher, goldigen Sonnenreflexen auf den Wellchen und von Kiefern umstandenen, idyllischen Buchten mit klarem Wasser - wenn's nicht litauisch wär, wär's mediterran. "Man findet einen erstaunlich südlichen Einschlag", meinte Thomas Mann dazu, der sich in einer Bucht nahe seines Hauses gar in Portofino wähnte.

Der Dichter hatte sich ein ganz besonders schönes Fleckchen ausgesucht. Er ließ sich in Nida, dem damaligen Nidden, ein Häuschen bauen, ganz oben auf der Anhöhe, umgeben von Kiefernwäldern, mit einem umwerfenden Blick auf das Haff, im für die Nehrung typischen Stil gehalten: Reetdach, weiß-blaue Fensterläden und das Holz gestrichen in diesem tiefen Rot, das man sonst nur in Skandinavien findet. Thomas Mann verbrachte die Sommer der Jahre 1930 bis 1932 auf der Kurischen Nehrung, sein ehemaliger Wohnsitz kann besichtigt werden, er ist heute auch Standort des Thomas-Mann-Kulturzentrums.

Nida ist der südlichste und bekannteste Ort des litauischen Teils der Nehrung, ein beliebter Ferienort, zugleich auch ein Fischerdorf mit intaktem Hafen. Im kurzen Sommer, der hier schon mit dem August zu Ende geht, herrscht Hochbetrieb. Wenn sich auch hie und da ein hässlicher Neubau oder Hotelklotz zwischen die traditionellen Holzhäuser zwängt, hat man doch verstanden, dass die Vergangenheit erhalten werden will, soll sie weiterhin Touristen anziehen.

Die alten Kurenkähne, pechschwarze, acht Meter lange Eichenkähne, mit denen die Fischer bis in die 60er-Jahre auf Fang gingen, stehen vor dem ethnografischen Museum, die Nachbildung eines solchen "Kurénai" schippert im Sommer mit Touristen auf dem Haff. Das weiter nördlich gelegene Juodkrante (Schwarzort) hat ebenfalls hübsche Holzhäuschen zu bieten.

Während der Sowjetzeit, knapp 50 Jahre lang, war die Region hermetisch abgeriegelt, das Gebiet um Klaipeda (Memel) war politisches Sperrgebiet, das nur mit Sondergenehmigung und KGB-Begleitung betreten werden durfte. Die Öffnung für ausländische Touristen begann mit den 90er-Jahren, nach dem Zerfall der UdSSR und der Unabhängigkeit Litauens. Anfangs waren es vor allem die so genannten "Heimwehtouristen" aus Deutschland, die das einstige Memelland wiedersehen wollten. Vermehrt kommt nun aber auch ein jüngeres Publikum auf die Kurische Nehrung, das das Naturerlebnis sucht und mit Bike oder Backpack unterwegs ist.

An touristischer Infrastruktur ist zwar einiges gewachsen und verbessert worden, der Anschluss an westliche Komfortlevels fällt einem wirtschaftlich schwachen Land wie Litauen aber natürlich schwer. Hie und da führen ausländische Investoren vor, wie es gehen könnte, zum Beispiel das Radisson SAS Hotel in Klaipeda, das mit seinem First-Class-Angebot vorrangig internationale Geschäftsreisende anspricht.

Ein Schuss Abenteuerlust und Flexibilität empfiehlt sich auf jeden Fall, wenn man in diese Gegend aufbricht. Eine stimmungsvolle und komfortable Anreisealternative bieten die Fähren, die von Deutschland aus (z.B. Rostock oder Kiel) das baltische Meer, also die Ostsee, überqueren und Klaipeda oder auch das nahe Liepaja in Lettland ansteuern. Auf diesen Fähren werden neben den Passagieren und ihren Autos auch jede Menge Lkw transportiert, die dazugehörigen russischen und litauischen Trucker saugen sich tagsüber Videos rein und abends den Wodka. Eine entspannende Arbeitspause sind diese rund einen Tag dauernden Überfahrten für sie - und für die Touristen eine Einstimmung auf den doch noch so exotischen "Osten". (Margit Wiener/DER STANDARD, Printausgabe, 02.08. 2002)

Info

www.scandlines.de
Tel.: 0049 / 381 / 54 35-0
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