Bratwurst her! Oder es dampft!

20. Oktober 2003, 14:08
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Der 40. Geburtstag des "Der Räuber Hotzenplotz" vor einem Jahr gab Anlass für ein Alphabet zu einem "Bösewicht", vor dem kein Apfelstrudel sicher ist

Am 1. August 1962, also vor 40 Jahren (Anm.: mittlerweile 41) , erschien erstmals Otfried Preußlers "Der Räuber Hotzenplotz" - ein Klassiker der Kinder-Weltliteratur. Anlass für ein Geburtstagsalphabet zu einem "Bösewicht", vor dem keine Bratwurst und kein Apfelstrudel sicher sind.


Apfelstrudel: Auch so eine Leibspeise, die in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur kaum noch erwähnt wird. Meist macht niemand einen besseren Apfelstrudel als eine Großmutter - auch wenn sie so kurzsichtig ist wie die im Räuber Hotzenplotz. Besser sind nur ihre

Bratwürste (mit Sauerkraut!) - und genau deshalb wird diese Großmutter nicht nur von ihren Enkeln, dem Kasperl und dem Seppel, geliebt, sondern sie ist auch in

Chronischer Überfallsgefahr: Das heißt, alle paar Wochen kommt ein Räuber vorbei, manchmal verkleidet er sich dabei sogar als der ehrenwerte Polizeioberwachtmeister

Dimpfelmoser. Und dann brüllt er: "Her mit den Bratwürsten und dem Sauerkraut, oder Sie sollen mich kennen lernen, so wahr ich der Räuber Hotzenplotz bin!" Weil die Großmutter extrem kurzsichtig ist, gelingen solche Attacken in Neues vom Räuber Hotzenplotz gleich mehrfach. Es kommt sogar zu einer

Entführung - und zwar auf Dimpfelmosers Dienstfahrrad: Vorn sitzt Hotzenplotz, hinten die Großmutter - und wieder einmal juchzt sie in größtem Unwissen: "Stellen Sie sich vor, dies ist in meinem Leben das erste Mal, dass ich auf einem Fahrrad sitze. Ich glaube, Sie haben mich auf den Geschmack gebracht." Als sie dann aber merkt, wie ihr geschieht, greift sie zur

Fahrradpumpe: "Schon schwang sie sie in der Hand, schon haute sie damit zu. Der dumpfe Krach tat ihr in der Seele weh - doch Hotzenplotz radelte weiter, als ob überhaupt nichts geschehen wäre. 'Tun Sie sich keinen Zwang an, Großmutter', sagte er. 'Vergessen Sie nicht, dass ich einen Helm auf dem Kopf trage. Einen Polizeihelm.'"

Geschichten wie diese (insgesamt wurden zwischen 1962 und 1973 drei Hotzenplotz-Bände veröffentlicht) erfreuen sich bis zum heutigen Tag in 34 Sprachen übersetzt (und über 6 Millionen Mal verkauft) internationaler Beliebtheit. Auf Türkisch heißt der Räuber Hotzenplotz etwa

Haydut Haytazot, im Italienischen "Il Brigante Pennastorta" und in Finnland "Ryö-vari Hurjahanka" - und das, obwohl man anfangs nicht unbedingt davon ausgehen durfte, dass Kasperlgeschichten derart zeitlose Qualität haben können. Eigentlich war die Arbeit am Hotzenplotz für den 1923 in Nordböhmen geborenen Schriftsteller und Lehrer Otfried Preußler nicht mehr als eine Lockerungsübung neben einem ungleich ambitionierteren Projekt: dem Schauermärchen Krabat, das an dieser Stelle als meisterhafte Alternative zu Harry Potter & Co. gesondert empfohlen sei. Wie beim Hotzenplotz gewinnt Preußler auch hier

Holzschnitt, heiter

Inspiration aus Volkstheater, -märchen und -legenden, von denen er holzschnitthafte Figuren und Szenen beibehält. Durchaus vergleichbar ist die Hotzenplotz-Serie aber auch mit einem britischen Klassiker: In Winnie the Pooh unternahm Alexander Milne nichts weniger als den Versuch, Spielzeugfiguren seines Sohnes in Geschichten, die er diesem erzählte, in absurde Situationen zu verwickeln. Auch Preußler, der seine späteren Bücher sogar per Diktafon konzipierte, spielt mit solchen Formen der "mündlichen" Improvisation immer absurderer Szenen. Besonders erfolgreich waren seine Werke denn auch als

Jugendhörspiele. (Obwohl: Die legendäre Verfilmung (1974) mit Gerd Fröbe als Hotzenplotz und Josef Meinrad als bösem Zauberer Petrosilius Zwackelmann ist auch nicht zu verachten.)

Komik entwickeln all diese Haupt- und Seitenwerke des Hotzenplotz-Kosmos aus einer scheinbaren Beschränkung auf schematische Rollen, aus der sich die Helden aber oft mit leichtfertigstem, genussvollem Kleidertausch befreien. Kasperlmütze gegen Seppelhut. Polizeihelm gegen Hotzenplotz-Krempe, ein Dackel wird zum Krokodil, und schon ist das Tohuwabohu perfekt. Dazu: Gesang!

"Lustig ist das Räuberleben/ In dem grünen Wald, juchhei!/ Da braucht niemand achtzugeben/ Auf die Polizei-zwei-drei! / Da braucht niemand Acht zu geben/ Auf die Polizei!" Gehäuft treten dazu Gegenstände und Bezeichnungen auf, mit denen Kinder heute rein gar nichts mehr zu tun haben, die aber weiterhin bezaubern. Großmutters

Musikalische Kaffeemühle etwa, für die Hotzenplotz kein Risiko scheut, oder - dafür verzichten wir jetzt auf die Buchstaben N, O (wie die legendäre Drohung: "Oder es dampft!"), P (wie Pfefferpistole), Q und R - das legendäre

Spritzenhaus: In jeder Hinsicht ein Hort der dörflichen Sicherheit. Einerseits als Garage für das Feuerwehrauto, andererseits als Gefängnis für Hotzenplotz, der aber den Oberwachtmeister Dimpfelmoser überwältigt, weil: Bratwürste und Sauerkraut!

Trotzdem: So ein Kindskopf von einem Räuber ist natürlich ein Sympathieträger.

Und daher wird Hotzenplotz am Beginn von Band 3 denn auch "wegen guter Führung" entlassen. Niemanden überzeugt er schneller von seiner neuen Ehrlichkeit als seine Brüder im Bratwurst-Geiste, Kasperl und Seppel. Am Ende eröffnet er (wir verzichten auf weitere Verhaftung) das

Wirtshaus "Zur Räuberhöhle", denn, so Hotzenplotz: "Wenn ihr meint, dass ich lieber nicht nach Amerika gehen sollte, dann gehe ich eben nicht nach Amerika! Aber lasst euch gefälligst einen Beruf für mich einfallen, hört ihr - damit ich nicht eines Tages gezwungen bin, wieder ein Räuber zu werden!" Damit ist er also kein Fall mehr für Aktenzeichen

XY - und arbeitslos wird bestenfalls der Oberwachtmeister Alois Dimpfelmoser, den die Großmutter weiterhin mit Doppelportionen Apfelstrudel verwöhnen dürfte.

Zum Beispiel wenn er brummt: "Keine Ursache! Ich habe nur meine Pflicht getan." - "Doch im Innersten seines Herzens strahlte der brave Mann wie ein fünfmal gescheuerter Kupferkessel, auf den die Sonne scheint." (DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2002)

Von
Claus Philipp

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Thienemann Kinder- und Jugendbuch-Verlag

Dieser Quelle verdanken wir die Erkenntnis, dass Hotzenplotz anderswo auch RÖVEREN RUNKELDUNK, LADER BARNABUM oder WANG-DO-DUK HO-TZEN-PL-O-TZ heißt.
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