Gegen die baltischen Barone

20. Oktober 2003, 12:35
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In der russischen Revolution von 1905 versuchten die Letten den Aufstand gegen ihre unmittelbaren Herren, die baltendeutschen Gutsbesitzer.

Die russische Revolution von 1905 erfasste auch Lettland und Estland. Die Arbeiter in den großen Städten schlossen sich dem nach dem Petersburger "Blutsonntag" ausgerufenen Generalstreik an. Auf dem Land kam es zu örtlichen Bauernunruhen; in Kurland besetzten die Aufständischen die Bezirksstadt Tukums. Die Volkswut richtete sich gegen die deutschen Gutsbesitzer, etliche Gutsherren und auch Pastoren wurden ermordet, viele Herren- und Pfarrhöfe niedergebrannt. Der Aufstand wurde vom Militär mit großer Härte niedergeworfen, nahezu tausend Aufständische wurden standrechtlich hingerichtet, Tausende nach Sibirien deportiert. In den Letten gewann die Einsicht Oberhand, dass sie von der zaristischen Regierung nichts zu erwarten hatten, wenn das Gesellschaftssystem bedroht war. Obwohl die russische Revolution letztlich niedergeschlagen wurde, hatte sie doch eine gewisse Liberalisierung zur Folge. Immerhin gestand Nikolaus II. die Einrichtung einer Duma, eines Abgeordnetenhauses, zu. Als die Wahlen in dieses nicht zur Zufriedenheit der Regierung ausfielen, wurde die Duma zur Farce. Als die erste Duma (von 1906) eine Verfassung verlangte, wurden Neuwahlen angesetzt. Bei diesen errang die Linke (Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre, werktätige Bauern) erdrutschartige Erfolge. Nach drei Monaten löste der Zar diese Duma auf und verordnete eine Wahlrechtsreform, die eine starke konservative Mehrheit ergab.

Die Vorgänge in Petersburg betrafen natürlich auch Lettland. Dort war die 1904 gegründete "Lettische Sozialdemokratische Arbeiterpartei" organisatorisch und zahlenmäßig die stärkste sozialdemokratische Organisation im Zarenreich. Ihr Führer Pauls Kalnins verfolgte stets einen gemäßigten Kurs. Er trat für eine parlamentarische Demokratie in ganz Russland und den Ausbau der örtlichen Selbstverwaltungen ein. Ein autonomes oder gar unabhängiges Lettland stand noch nicht auf seinem Programm. Auch das lettische Bürgertum begann sich in nationalen Parteien zu organisieren und hatte einige Vertreter im Parlament.

Immerhin sah sich die Regierung durch die Revolution zu Lockerungen gezwungen, die auch den nicht russischen Nationalitäten mehr Rechte brachten. Schulunterricht in der Volkssprache wurde, zumindest in Privatschulen, wieder erlaubt. Auch dem Kulturleben wurden weniger Schranken gesetzt. Die Letten nützten die neue Freiheit zu einem Kulturschub, wobei ihnen, zum Unterschied von anderen Gebieten des Reichs, die weitentwickelte Alphabetisierung des Volkes sehr zugute kam. Auf dem Land kam es zur Bildung zahlreicher Genossenschaften. Während man in den Städten infolge der großen Zuwanderung auch Vertreter des lettischen Bürgertums nicht mehr von der politischen Mitbeteiligung abhalten konnte, war auf dem Land noch immer die alte Ständeverfassung in Gültigkeit, die den Bauern keine politische Mitsprache erlaubte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 7. 2002)

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