Kulturschub zum Nationalbewusstsein

20. Oktober 2003, 12:35
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Das Wachstum der Städte durch die Industrialisierung brachte eine Umschichtung der lettländischen Gesellschaft. Dichter und Gelehrte weckten im lettischen Volk das Bewusstsein einer gemeinsamen nationalen Identität.

Für die evangelische Geistlichkeit war die Verwendung der lettischen Sprache Mittel zum Zweck gewesen. Die ersten gedruckten lettischen Texte aus dem 16. Jahrhundert - Katechismen, Erbauungsliteratur, Kirchenlieder - wurden durch das lettisch-deutsche Wörterbuch vom Hofprediger des Herzogs von Kurland, Georgius Mancelius (gest. 1654), ergänzt, das das Ergebnis seiner Sprachstudien war. Es wurde zur Grundlage der Übersetzung der gesamten Bibel.

Über das Theologiestudium fanden einzelne Letten im 17. Jahrhundert Zugang zur deutschen Oberschicht. Durch ihre Schriften weckten sie im städtischen Bürgertum den Bildungsdrang, verbunden mit der Achtung vor der eigenen Sprache. Allerdings ging die dünne Schicht der gebildeten Letten zumeist im Deutschtum auf, doch vergaßen manche ihre Wurzeln nicht und trugen so zur Herausbildung einer weltlichen lettischen Literatur bei; die große Zäsur bildete das Werk von Gottfried Friedrich Stender (gest. 1796) - Erzählungen, Gesänge, eine Art Lexikon und eine lettische Grammatik.

Unter der jungen Lettengeneration, die im stürmisch wachsenden Riga aufwuchs, erwachte über die Literatur ein lettisches Nationalgefühl, das den Alltag mit seiner gesetzlich verankerten Bevorzugung der Deutschen und die Abwertung der lettischen Sprache nicht länger hinnehmen wollte. Sie verlangte die Gleichberechtigung der lettischen Bürger. Diese neue, lettische Rigaer Stadtkultur strahlte allmählich auch auf das Dorf aus und ließ in den Menschen ein lettisches Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen. Der Einfluss des Ostpreußen Herder, der seine ersten Schriften als junger Lehrer an der Rigaer Domschule verfasste, weckte das Interesse an der Volksdichtung.

Deutschbalten und Letten begannen, lettische Volkslieder und Märchen zu sammeln. In Jelgava/Mitau erschien 1822 die erste lettische Zeitung. Für die jungen lettischen Schriftsteller wurden die Pflege der Nationalsprache, die Förderung des Nationalbewusstseins, die Hebung des kulturellen Niveaus des Volkes ernsthafte Anliegen. Zugleich aber verlangten sie auch eine Verbesserung der sozialen Lage der lettischen Bauern, dann auch des entstehenden Industrieproletariats.

Aus der geschichtlichen Entwicklung ist verständlich, dass die soziale auch als nationale, gegen die deutsche Oberschicht gerichtete Konfrontation verstanden wurde. Das ließ die erste politisch aktive nationale Bewegung, den 1868 gegründeten Lettischen Verein in Riga, zunächst auf russische Unterstützung setzen; die Empfehlung, im Amtsgebrauch statt der deutschen die russische Amtssprache zu verwenden, muss allerdings als Versuch erscheinen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.

Diesem Weg folgte eine neue, "junglettische" Generation nicht; sie war sowohl gegen die russische Autokratie wie gegen die deutsche Bevormundung, und in ihr Denken flossen auch marxistische Ideen ein. Ihr wichtigster Vertreter war der Schriftsteller und Rechtsanwalt Janis Rainis, er gab in Riga die sozialdemokratische Zeitung Dienas Lapa ("Tageszeitung") heraus, verstand es zunächst geschickt, die Hürden der Zensur zu umschiffen, wurde aber 1897 verhaftet und in die Verbannung geschickt. Gemeinsam mit seiner Frau, die sich unter dem Pseudonym Aspazija in ihren Dichtungen als frühe Vertreterin der Frauenemanzipation auswies, gelang ihm die Flucht in die Schweiz. 1920 zurückgekehrt, wurde er in der lettischen Republik Bildungsminister. Rainis gilt als bedeutendster lettischer Lyriker und Dramatiker.

Die Suche nach einer heroischen mythischen Vergangenheit, die Elias Lönnrot in Finnland aus in Karelien noch überlieferten Bruchstücken alter Heldenlieder die "Kalevala" zusammenstellen ließ, weckte auch bei den Letten den Wunsch nach einem Nationalepos. In Lettland war die alte Heldendichtung durch den Einfall der Ordensritter offenbar zerstört worden. Nur noch in Volksliedern fanden sich Motive, die aus vorchristlicher Zeit stammen mussten.

Der Schriftsteller Andrejs Pumpurs half dem Mangel ab und schrieb das Versepos "Lacplesis" ("Bärentöter"). Der Titelheld kämpft gegen die dunklen, sein Volk bedrohenden Mächte, insbesondere gegen den "schwarzen Ritter". Der Autor fügte auch historische Gestalten ein, so den Livenfürsten Kaupo, der als einer der ersten Christen des Baltikums namentlich genannt und sogar vom Papst empfangen wurde. In der Dichtung, die von den Letten als Nationalepos angenommen wurde, ist er ein Verräter seines Volkes.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte im Russischen Reich mit dem Ziel einer Vereinheitlichung des Staates eine systematische Russifizierung ein. Davon waren die Deutschbalten ebenso betroffen wie die Letten. Das Volksschulwesen, bisher unter Leitung der evangelischen Geistlichkeit, wurde dem russischen Volksbildungsministerium übertragen, die russische Sprache wurde im amtlichen Schriftverkehr verpflichtend, die deutschen Richter wurden durch Russen ersetzt, schließlich wurde das gesamte Schul- und Hochschulwesen russifiziert. Die orthodoxe Staatskirche, die schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts Proselyten unter den Bauern durch (dann nicht erfüllte) Versprechungen, sie auf gute Ackerböden im Süden des Reichs umzusiedeln, gemacht hatte, setzte durch, dass eine Rückkonversion unter Sanktionen gestellt wurde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 7. 2002)

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