"Calle 54": Die Farbe trifft den Ton

27. Juli 2004, 16:43
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Eine filmische Hommage an den Latin Jazz von Fernando Trueba

Wien – Mit dem nostalgischen Liebesabenteuer Belle Epoque oder der US-Verwechslungskomödie Two Much ist der spanische Regisseur Fernando Trueba international bekannt geworden. Sein aktueller Film Calle 54, so Trueba, sei eines seiner persönlichsten Werke – eine Hommage an den Latin Jazz und der Versuch, der Musik und ihren Protagonisten filmisch gerecht zu werden.

Calle 54 folgt einer klaren Struktur: Insgesamt zwölf Vertreter des Latin Jazz (elf Männer und eine Frau) werden in knappen auf Video gedrehten dokumentarischen Sequenzen vorgestellt, kurz geografisch und musikhistorisch verortet. Daran schließt jeweils die Aufführung eines Musikstücks an.

Die Musik spielt in Calle 54 also die Hauptrolle. Und der Regisseur will seinen Film weniger als Dokumentarfilm denn als Musical verstanden wissen. Im ersten Moment scheint das ein bisschen weit hergeholt – in Bezug auf die Inszenierungsstrategien, die Trueba wählt, um Musik filmisch umzusetzen, ist der Verweis auf dieses Genre durchaus stimmig.

Zumal, wenn man an die von Busby Berkeley choreografierten Studiomusicals denkt oder etwa an jene Sequenz aus Stanley Donens Singin' In The Rain, in der Gene Kelly eine leere Studiohalle mithilfe weniger technischer Hilfsmittel und Requisiten in einen imaginären musikalischen Raum verwandelt.

Auch Trueba hat die Musiker und ihre jeweiligen Ensembles in ein New Yorker Studio gebeten. Dieses gleich bleibende, spartanische Setting fungiert als Bühne, die sich mithilfe einer ausgeklügelten Lichtregie fortwährend verwandelt:

Einmal erscheint sie in pastellene Lichtkegel getaucht, dann eher dunkel gehalten – für Eliane Elias' Samba Triste -, oder sie wird tiefrot ausgeleuchtet. Gato Barbieris Auftritt ist in türkises Licht getaucht, der Big-Band-Jazz von Chico O'Farrill in klassischem Schwarz-Weiß inszeniert, und der 2001 verstorbene "König" des Latin Jazz, Tito Puente, bedient sein Schlagwerk inmitten von gleißendem Weiß.

Die Kamera erfüllt in diesem Rahmen ebenfalls die Funktion, den gegebenen Raum möglichst variantenreich aufzufächern und umzugestalten. Also umfährt sie Musiker und Instrumente in seitlichen Travellings, blickt von oben auf Pianistenhände, kreist um das Geschehen oder liefert punktuell Großaufnahmen.

Leider wirkt das Zusammenspiel von Lichtregie, die etwa kleine Glanzlichter auf Klaviertasten setzt, und "entfesselter" Kamera letztlich etwas geschmäcklerisch und beliebig, der Film trotz seiner kargen Grundausstattung überladen. Fans von Puente und Barbieri, von Jerry Gonzalez, Bebo Valdes, Paquito D'Rivera und Co. dürften allerdings in jedem Fall auf ihre Kosten kommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2002)

Von Isabella Reicher

Links

Calle54film.com

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