"Wir waren Helden": Eine Schlacht ohne Krieg

27. Juli 2004, 16:58
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Wie Amerika in Vietnam siegte: Wenig Zeit zum Philosophieren hat Mel Gibson als patriotischer Colonel

Wien – Mitten in der Nacht schleicht sich der Colonel aus dem Haus, lässt Frau und Kind hinter sich, um eine andere Einheit anzuführen. Die jungen Soldaten, mit denen er nach Vietnam aufbricht, sind jetzt seine Schützlinge, in quasi-familiärem Zusammenhang. Er wird sie auch dann nicht verlassen, wenn ihn mitten in der Schlacht der Befehl ereilt, nach Saigon zurückzukehren, um die Lage zu sondieren. Er betritt als Erster das Feindesland, und nach dem verlustreichen Gemetzel im Ia-Drang-Tal, mit dem die US-Intervention in Südostasien erst so richtig begann, ist er auch der Letzte, der geht.

Im jüngeren Kriegsfilm bleibt keiner mehr zurück. Schon in Saving Privat Ryan war die Rettung eines letzten Sohnes oberste Pflicht, und auch in Black Hawk Down, dem meistdiskutierten US-Schlachtenfilm dieses Jahres, steht der Gedanke des sozialen Zusammenhalts über strategischen Überlegungen.

We Were Soldiers (im Deutschen signifikanterweise: Wir waren Helden) betrachtet militärischen Dienst vor allem als patriotische Leistung: Regisseur Randall Wallace, Drehbuchautor von Pearl Harbor, versucht nicht, den Krieg zu verhandeln, wie es der Off-Kommentar am Beginn noch vermuten lässt; er simuliert aus subjektiven Perspektiven, mit den mittlerweile vertrauten "naturalistischen" Mitteln, was es bedeutet, sich todesmutig einem übermächtigen Feind entgegenzustellen.

Die Frage, warum man kämpft, die der Einsatz im "Schurkenstaat" Somalia in Black Hawk Down noch als Problem aufwirft, stellt sich in We Were Soldiers nicht mehr. Haben andere Vietnamfilme noch das Trauma dieses Krieges zu bewältigen versucht, nutzt Wallace ihn nunmehr dazu, die "Unschuld" des Soldaten zu behaupten – und den verlorenen Krieg in einer einzigen Schlacht zu gewinnen.

Kein Grund für Zweifel

Den erfahrenen Autoritäten, Colonel Moore, den Mel Gibson als gläubigen Übervater verkörpert, und seinem knöchernen Sergeant Major (Sam Eliott), bleibt dabei wenig Zeit zum Philosophieren: Einmal fällt zwar der Verweis auf eine andere Niederlage, die General Custers am Little Big Horn, aber kein Grund für Zweifel – es reicht, sich einen Überblick zu verschaffen und "Broken Arrow" zu brüllen. Custer hatte schließlich noch kein Napalm gegen die Indianer.

Die Ordnung des kämpferischen Geschehens erfolgt auf zeitlicher Ebene, Inserts informieren über Uhrzeit und Schauplatz. Zwischen dem Ansturm auf den Termitenhügel, aus dem die Vietcongs strömen, finden sich ein paar emblematische Szenen: Einem US-Soldaten asiatischer Herkunft wird das Gesicht von den eigenen Bomben verkohlt – wie einem Stellvertreter für die fehlende Zivilbevölkerung; ein Kriegsfotograf, der das Gesehene zuletzt schriftlich überliefert, greift vorübergehend selbst zur Waffe.

Aber nicht nur an dieser Front wird Kameradschaft hochgehalten, das gilt genauso zu Hause: Ein Schnitt dorthin zeigt die staubsaugende Ehefrau des Colonels (Madeleine Stowe), die das Kollektiv der Soldatengattinnen anführt. Sie überbringt die Telegramme, die etliche von ihnen zu Witwen erklären. So erhält der Kriegsfilm im reaktionären Familienmelodram sein zweites Gesicht. Wie sagte schon Moore zu Beginn: Ein guter Soldat ist der bessere Vater. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

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weweresoldiers.com

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